Die wirtschaftliche Einstellung der öffentlichen Verwaltung, 467
Hamburgs und Bremens seine internationalen Kenntnisse nicht eben-
falls im Interesse der Nation verwerten konnte, und daß Handel und
Wandel überall lahmgelegt wurden, bis das deutsche Volk infolge
innerer Blutleere nicht mehr die Kraft fand, die zersetzenden Keime,
die innere und äußere Feinde ihm einimpften, zu überwinden,
Nach dem Kriege sollten alle lebendigen Kräfte des Volkes an der
Verwaltung teilnehmen. Es trat deshalb eine bewußte Zurückdrängung
des konservativ-agrarischen Elementes und eine Durchsetzung des
Beamtenapparates, besonders im Reich, mit Vertretern des Handels,
der Industrie, des Handwerks, vor allem aber mit Arbeitnehmern ein,
um ihnen als gleichberechtigten Faktoren der Wirtschaft auch den
nötigen Einfluß in der Staatsverwaltung zu sichern. Es war das
umgekehrte Bild wie vor dem Kriege. Damals eine ge-
wisse Einseitigkeit in einem geschlossenen, an Disziplin gewohnten
und in seiner materiellen Lage infolge seiner Abstammung gesicherten
Verwaltungskörper, jetzt zwar Vielseitigkeit dieses Körpers, aber auf
Kosten der Einheit! Überall Reibungsflächen infolge der verschiedenen
sachlichen und persönlichen Anschauungen, Drängen nach den besser
besoldeten und einflußreichen Stellen, und zwar nicht nur seitens der
oberen, sondern auch der mittleren und unteren Beamten, sowie der
zahlreichen Angestellten nach Beamtenstellungen. Es geschah nicht
aus einem natürlichen Ehrgeiz, sondern oft aus der Not des Lebens
heraus, und deshalb wahllos in den Mitteln, besonders den politischen,
In einzelnen Ländern konnte sich zwar der alte Beamtengeist etwas
besser erhalten, soweit die Durchdringung mit den neuen Elementen
vorsichtiger erfolgte. Nur in den politischen Stellen trat der Wandel
auch hier zu schnell und unter zu starker Außerachtlassung der Vor-
bildung und Befähigung ein, was zu manchen Rückschlägen führte,
während in der Justiz, infolge der Unabsetzbarkeit der Richter, sich das
alte Beamtentum fast unvermischt erhalten konnte. Im ganzen: das
Drängen des neuen Deutschland nach neuen Lebensformen auch hier
an einer für seinen Aufbau so wichtigen Stelle. Viel unsicheres Tasten
auf neuen Wegen, viel Mißgriffe, und doch im ganzen ein ehrliches
Wollen von Kräften, die nach Besserem strebten und dem Bedürfnis des
Volkes in seiner schweren internationalen Lage gerecht zu werden
trachteten,
Man kann nicht sagen, daß die Einstellung der öffentlichen Verwal-
tung infolge der vielen der Wirtschaft entnommenen neuen Kräfte wirt-
schaftlicher geworden wäre. Im Gegenteil! Die alte preußische Spar-
samkeit, bei der fast um jede neue Etatsstelle ein Kampf geführt wer-
den mußte, und zwar sowohl innerhalb der Verwaltung selbst wie in
den Parlamenten, sie war dahin. Der Wunsch nach Einschiebung neuer
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