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Bischoff, Die Forderungen der Praxis.
gemeineren und höheren Gesichtspunkten fehlt, ohne welche
die Wissenschaft nun einmal nicht auskommen kann. Hin
und wieder hat man in den Kreisen der Praktiker dabei auch mit
jener, überhaupt viel verbreiteten Einseitigkeit zu kämpfen, gegen die
sich gerade Seine Exzellenz der Herr Staatssekretär v. Posadowsky
einmal gewendet hat mit einem bekannten, ja berühmten Worte:
»Das höchste Gut eines Volkes ist nicht die Dividende und
ist nicht der Reinertrag.« Sehr häufig kommt bei unseren
Praktikern ja auch die Fülle der gewöhnlichen Berufsarbeit als
Hinderungsgrund in Betracht; es mangelt so sehr an Zeit für
eine Beschäftigung mit allgemeineren Fragen, wie solche in der
Wissenschaft eine Rolle spielen. Ich bin aber nach aller Erfahrung
doch der Ansicht, daß sich bei einigem guten Willen erheblich
mehr im Interesse der Wissenschaft tun ließe, als
dies bisher der Fall ist. Manche rühmliche Beispiele geben
uns übrigens Aufschluß über diese Möglichkeit. Ich stehe nicht an
zu bekennen, daß mir das wissenschaftliche Arbeiten der Gothaer
Lebensversicherungsbank von jeher besonders gefallen hat und
nachahmenswert erschienen ist. In neuester Zeit hat diese Gesellschaft
in Gestalt des Karu])schen Werkes wiederum eine tüchtige
wissenschaftliche Tat gezeitigt; das wird auch der anerkennen,
der etwa nicht mit allen Ergebnissen dieses Werkes einverstanden
ist. Solcher wissenschaftlichen Taten bedürfen wir vielleicht im
Rahmen der hier zur Erörterung stehenden Aufgabe in allererster
Linie; gerade sie sind in hohem Maße dazu geeignet, die rechte,
fruchtbare Entwicklung unserer Wissenschaft zu fördern. Deshalb
sollte es bei den Versicherungsgesellschaften nicht nur als ein nobile
officium, sondern als eine praktische Notwendigkeit erachtet werden,
wissenschaftlich befähigten Beamten die Muße und die Freiheit zu
einer solchen wissenschaftlichen Betätigung zu gewähren. Dabei
handelt es sich nicht darum, daß der betreffende Techniker oder
Jurist sich monatelang der Ausarbeitung irgend eines Werkes widmet;
es schadet nicht, wenn solche wissenschaftliche Leistungen nur langsam,
nebenher zutage gefördert werden; die Hauptsache ist, daß
überhaupt für solche Aufgaben Verständnis und Interesse betätigt
wird; wo der Wille vorhanden ist, da wird sich dann auch der Weg
finden.
Gerade bei den Versicherungsgesellschaften lagert ja, bislang
unverwertet, ein gewaltiges Tatsachenmaterial, wie es die Wissenschaft
vor allem benötigt. Dabei kommen keineswegs nur die
eigentlichen versicherungstechnischen Erfahrungen (Sterblichkeitsstatistik
usw.) in Frage; auch unsere medizinischen Beobachtungen
z. B. sind für die Versicherungswissenschaft von hohem Werte, so
daß wir auch die auf diesem Gebiete sich abspielenden wissenschaftlichen
Bestrebungen der »Gothaer« dankbar begrüßen müssen.
Nicht minder sind für die rechte juristische Beurteilung unseres
Gebietes beispielsweise die außerordentlich vielgestaltigen wirtschaftlichen
Erfahrungen von großer Wichtigkeit, die wir in unserem
Betriebe bei den Policen Verpfändungen, bei den Zessionen, bei der