5*
Dr. Bleicher.
67
läßt sich das Studium dieses Faches überhaupt nicht betreiben. Die
Einführung des versicherungswissenschaftlichen Unterrichts an den
neueren Hochschulen ist ja gerade aus dem Bedürfnisse heraus
erfolgt, zwischen Theorie und Praxis zu vermitteln. Ich möchte den
Unterschied zwischen Theoretikern und Praktikern in dem Sinne,
daß man den Theoretiker, der sich nur rein mit der Theorie beschäftigt,
und den Praktiker, der von der Theorie nichts wissen
will, einander gegenüberstellt, in unserem Fach nicht gelten lassen.
Versicherungswissenschaft ist eine praktische Wissenschaft. Die
Praxis beruht auf der Theorie, und die Wissenschaft kann der Praxis
nicht entbehren. Ich kann vorurteilsfrei darüber sprechen, weil ich
jahrelang an einer Versicherungsanstalt tätig gewesen bin und allerdings
die Überzeugung gewonnen habe, daß, wenn z. B. dem Mathematiker
die Kenntnis der Praxis ganz fehlen würde, er trotz Beherrschung
aller Formeln nicht in fruchtbringender Weise Unterricht
in Versicherungsmathematik erteilen kann. Aber, m. H., die
Versicherungswissenschaft ist neu, und die Dozenten werden sich
ausbilden und Fühlung mit der Praxis suchen und finden. Wie
Herr Prof. Ehrenberg an gedeutet hat, ist die Gelegenheit dazu doch
wohl vorhanden, und es ist wünschenswert, daß der Theoretiker
sich auch in praktischer Hinsicht durchbildet und eine Zeitlang als
Volontär in einem größeren Institut arbeitet. Ich meine, wenn der
Versicherungsverein betont hat, daß die Wissenschaft sich auf der
Praxis mitaufbauen soll — und das klingt durch die Leitsätze
meines Erachtens genügend durch , dann ist der Hauptforderung
Genüge geschehen.
Was die Frage betrifft, ob Versicherungswissenschaft mehr in
Form der Vorlesungen oder Seminarübungen geboten werden soll,
so möchte ich noch erwähnen, daß die Seminarübungen gerade
von den im praktischen Leben stehenden Personen deswegen nicht so
gern wie allgemeine Vorlesungen besucht werden, weil es dem beruflich
tätigen Manne vielfach an der Zeit fehlt, sich an den Seminarübungen
durch Vorträge und Referate zu beteiligen. Aber die
Praktiker, die bei uns die allgemeinen Vorlesungen über Versicherungslehre
gehört haben, haben, soweit ich beurteilen kann, mit Nutzen
davon Gebrauch gemacht, und ich würde es gern sehen, wenn im
Anschluß an das, was in den Leitsätzen gesagt ist, der Verein auch
in der Richtung praktisch tätig wäre, daß er die Konsequenzen der
Vorschläge zu ziehen bestrebt ist, und daß die Direktionen der Versicherungsinstitute
ihren Angestellten den Besuch von Vorlesungen
erleichtern; denn bisher ist immer noch ein Gegensatz zwischen
Theoretikern und Praktikern vorhanden. Mir ist passiert, daß ich
einen jungen Mann im Seminar hatte, der mir eines schönen Tages
sagte : mein Direktor sieht es nicht gern, daß ich mich beteilige; er
eieint, es wäre für Praktiker nicht nötig. Ich weiß bestimmt, daß
der Mann etwas gelernt hatte. Überhaupt möchte ich bei dieser
Gelegenheit einmal öffentlich aussprechen, daß die Versicherungsanstalten
sich doch darüber klar sein sollten,
daß diejenigen, welche das Fach theoretisch vertreten, ihre