Full text : Vorschläge zur Förderung der Versicherungs-Wissenschaft

Prof.  Dr.  Emming’haus-Gotha:
Zur  Besteuerung  der  Versicherung  in  Deutschland.
Wenn  man  heute  hundert  Wehrpflichtigen  der  besseren  Stände
die  Wahl  lassen  wollte,  ob  sie  dienen  und  dermaleinst  das  aktive
Wahlrecht  haben,  oder  nicht  dienen,  aber  auch  das  Wahlrecht  entbehren ­
  wollen,  so  würden  gewiß  mindestens  ihrer  fünfundsiebenzig
sich  für  den  Dienst  im  Heere  entscheiden.  Würde  man  aber  hundert
Steuerpflichtige  fragen,  ob  sie  Steuern  zahlen  und  wahlberechtigt
sein,  oder  keine  Steuern  zahlen  und  auf  das  Wahlrecht  verzichten
wollen,  so  würden  sicher  die  meisten  einigermaßen  fühlbar  Besteuerten, ­
  wahrscheinlich  ihrer  mindestens  fünfundsiebenzig,  sich
gern  von  der  Steuerpflicht  mit  dem  Verzicht  auf  das  Wahlrecht
loskaufen.
Das  Steuerzahlen,  so  einleuchtend  es  ist,  daß  unsere  heutigen
Kulturstaaten  ohne  Steuern  nicht  bestehen  können,  gehört  zu  den
unpopulärsten  Pflichten  des  Staatsbürgers.
Woher  das  kommt?  Die  alte  Bremer  Schoßkiste,  wenn  sie  reden
könnte,  wüßte  vielleicht  darauf  zu  antworten.  Denn  an  sie,  der
man  ohne  jede  Kontrolle  anvertraute,  was  man  nach  bestem  Wissen
und  Gewissen  schuldig  zu  sein  glaubte,  heranzutreten,  galt  für  eine
Ehrenpflicht  des  Bürgers.  Es  sollen  ihr  alljährlich  viele  ihren  Obolus
entrichtet  haben,  die  eigentlich  steuerfrei  gewesen  wären,  und  Leute,
die  in  den  damals  noch  einfacheren  Bremer  Vermögens-  und  Einkommensverhältnissen ­
  Bescheid  wußten,  haben  versichert,  daß  die
Kiste  immer  eher  mehr  als  weniger  im  Verhältnis  zu  der  Vorausschätzung ­
  des  Aufkommens  enthalten  habe.
Ich  will  nicht  behaupten,  daß  auch  in  älteren  Zeiten  diese
Methode  der  Steuererhebung  —  Selbsteinschätzung  und  verdeckte
Einlage  des  berechneten  Betrags  —  vorgehalten  hätte  bei  sehr  gesteigerten ­
  Anforderungen.  Aber  gewiß  hat  das  Gegenteil  von  Vertrauen ­
  und  das  Übermaß  von  Überwachung,  hat  ein  in  die  Steuerzumessung
  und  -erhebung  eingedrungener  gewisser  Fiskalitätsgeist
dazu  beigetragen,  das  Steuerzahlen  so  unpopulär  zu  machen,  wie
es  ist.
Ich  glaube,  daß  bei  uns  der  Umstand,  daß  jetzt  unter  den
Schatzungen  die  allgemeine  Einkommen-  und  die  allgemeine  Vermögenssteuer ­
  die  Hauptstelle  einnehmen,  und  daß  die  Gesetzgebung
mehr  als  je  bestrebt  ist,  bei  der  Einschätzung  zu  diesen  Steuern
möglichste  Gerechtigkeit  walten  zu  lassen,  dazu  beitragen  kann  und
            
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