Object: Die deutsche Hausindustrie

116 V. Kap.: Volkswirtfchaftliche und joziale Bedeutung der Hausinduftrie 
der Eifel oder im Erzgebirge nicht durch landwirtfchaftliche Berufsarbeit aus 
gefüllt werden. Zudem nötigen die kargen Erträge aus der Bauernwirtfchaft 
zu weiterm Erwerb. In die Fabrik wird man aber unmöglich all die Bauersleute 
bringen können. Mag die überfchüffige Bevölkerung abwandern oder in die 
auch in gebirgige Gegenden vordringenden Fabriken gehen, ein Teil wird ftets 
an der ländlichen Schoile kleben und die von den Vätern ererbte Bauernwirt 
fchaft weiter betreiben. Als gewinnbringender Nebenerwerb bleibt ihr wiederum 
nur die Hausinduftrie, die an ihre durch bäuerliche Arbeit ungelenkig und 
ungefchickt gewordenen Hände keine allzu hohen technifchen Anforderungen 
ftellt. — Derart find tatfächlich die wirtschaftlichen und pfychologifchen 
Gründe, welche die Hausinduftrie in abgelegenen ländlichen Gegenden haben 
entftehen laffen und bis zur Stunde haben erhalten können. 
§ 2. Prüfung der angeführten Gründe 
Die Frage ift nun, inwieweit die angeführten tatfächlichen Gründe 
für das Beftehen der Hausinduftrie ihre innere Berechtigung haben 
vom volkswirtfchaftlichen und fozialen Gefichts- 
punkt aus. Damit ift die Antwort gegeben auf die Frage, ob und in welchem 
Umfange ein weiterer Beftand der Hausinduftrie wünfchenswert fei, damit find 
die Grundlinien gezogen für die Maßnahmen der Hausinduftriepolitik. 
Zunächft kann unfere heutige Volkswirtschaft gar kein Intereffe daran 
haben, die Hausinduftrie deshalb noch länger zu erhalten, weil fie vorwiegend 
geringwertige, technifch tiefftehende Maffenartikel erzeugt. Da|z folche Artikel 
in unferer Volkswirtschaft einen fo breiten Raum einnehmen, bedeutet in jedem 
Stadium einen Schaden, für die Produktion, den Handel und den Konfum. 
Naumann hat ganz recht, wenn er fagt: 1 ) „Mit allengeringen Waren find Unter 
nehmer, Arbeiter und Käufer gegenfeitig betrogen, weil fie fich um etwas ab 
gemüht haben, was keiner Mühe wert war.“ Schlechte Ware von geringer 
Dauerhaftigkeit bedeutet für den Käufer keinen reellen Befitz, Kaufmann, 
Unternehmer und Arbeiter verdienen wenig daran. Für den Arbeiter, der uns 
hier befonders intereffiert, bringt fie aufzer dem materiellen den ideellen Nach 
teil, nicht mit Freude und Hingebung bei der Sache zu fein, oder, wie Naumann 
fagt, „keine erhöhte feelifche Arbeit hineinzutun“. 
Es wäre darum nicht zu bedauern und würde von privat- und volkswirt- 
fchaftlichem Vorteil fein, wenn der Maffenkonfum fich von minderwertigen 
Produkten abwändte und folide Ware begehrte. 
Freilich wird die Nachfrage nach minderwertigen Konfumartikeln nicht 
*) F. Naumann, Neudeutfche Wirtfchaftspolitik, Berlin 1906, 105.
	        
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