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politik, die England seit 1770 resp. 1783 dortselbst befolgte.
Eine Vergleichung der wirtschaftlichen Beziehungen West
indiens zu Nordamerika vor und nach dem Kriege wird dies
erläutern.
Wohl kaum zwei andere Wirtschaftsgebiete waren und
sind noch heute dermafsen aufeinander angewiesen wie jene
beiden Länder (Edwards VI, S. 377). Ihr gegenseitiger Handel
beförderte, wie wir im zweiten Kapitel gesehen hatten, nicht
Dinge der Eitelkeit oder des Luxus, sondern versah die west
indischen Pflanzer mit den unentbehrlichsten Existenzmitteln.
Getreide und Gemüse jeglicher Art, Fleisch und sonstige Vieh
produkte, Pferde und Esel zum Betrieb ihrer Zuckermühlen,
Holz zum Häuser- und Mühlenbau, auch zur Herstellung ihrer
Zucker- und Rumfässer, sowie Unmassen von Fischen als
billigstes Nahrungsmittel für ihre Negersklaven empfingen sie
von dem festländischen Norden im Austausch gegen ihre kost
baren Kolonialprodukte. Frühzeitig hatte England von seinem
strengen Kolonialsystem hier eine Ausnahme gemacht, indem
es zwischen beiden Kolonien einen direkten Handel in amerika
nischen Schiffen gestattete. Schon unter Karl II. begannen
die Farmer des Nordens, nach Westindien Lebensmittel zu
exportieren und die englischen, schottischen und irischen Zu
fuhren entbehrlich zu machen. Vergeblich hatten Sir Josias
Child und Dr. D. Avenant (unter Wilhelm III.) vor den
möglichen Folgen dieser wirtschaftlichen Abhängigkeit West
indiens von Nordamerika gewarnt (Chalmers, S. 113).
Dem geschwisterlichen Verkehr verdankten beide Länder
ihre schnelle Entwicklung und ihren Vorsprung vor den franzö
sischen, spanischen und holländischen Sklaveninseln, die sich
nicht auf den Besitz eines so günstig gelegenen Gebietes wie
Nordamerika stützen konnten (Bridges II, S. 193). Nach dem
Urteil eines kompetenten Beobachters aus der Mitte des
18. Jahrhunderts, des Mr. Long (History of Jamaica), wäre
cs fraglich gewesen, ob England einen einzigen Acker in
Westindien besessen hätte, wenn der nordamerikanische Kon
tinent einer anderen Macht gehört hätte und die Engländer
von ihm ausgeschlossen gewesen wären (Edwards VI, S. 377).
Als England 17G3 zwischen Französisch-Kanada und Französisch-
Westindien zu wählen hatte, entschied es sich auf Lord Chat-
tams Rat für das erstere, in der Meinung, dafs der Besitz
fles Festlandes zugleich die wirtschaftliche Herrschaft über
Westindien garantiere. Die Entscheidung war richtig. Britisch-
Westindien nahm seitdem einen rascheren Aufschwung als je;
der Sklavenhandel gleichfalls. Beide hatten 1772, unmittelbar
v or der amerikanischen Revolution, den Höhepunkt ihrer
Entwicklung erreicht. Die Sklavenbevölkerung Jamaikas z. B.
war innerhalb 30 Jahre (1743—1773) von 99 000 auf über
200 000 gestiegen (Bridges II, S. 105). Der Grund war ein-
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