Stoiker, Christen, Bevölkerung.
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er dafür, daß Getreide, Öl und Fleisch an die Massen verteilt
werde, doch mußte man sich, da die alten Kornkammern nicht mehr
zur Verfügung standen, mit italischer Frucht begnügen. Wie sehr
die Bedeutung dieser Spenden zurückgegangen war, kann man
daraus entnehmen, daß ein Autor, um zu zeigen, daß die Ehren
bei einem Volke nichts Beständiges seien, darauf hinwies, daß die
jenigen, welche die Getreidespenden einst beaufsichtigten, hochge
ehrt waren, während es nun nicht mehr der Fall sei (Boethius,
Die Tröstungen der Philosophie III, 4). Das Prinzip der Staats
fürsorge blieb lange erhalten, und als Justinian wieder in Italien
herrschte, ordnete er ebenfalls Getreidespenden an. Aber nur im
Osten vermochten die Kaiser seit Diokletian mit Scharfsinn und
Energie das Gebäude zu erhalten, im Westen hat die Völker
wanderung energisch die großen Zusammenhänge zerschlagen und
der Kleinstaaterei vorgearbeitet.
Wie einst die Griechen und dann die Römer ihren Bevölke
rungsüberschuß durch Eroberungen versorgten, so taten es nun
auch die Völker des Nordens. Schritt für Schritt drangen sie im
römischen Reiche vor, unter den verschiedensten Titeln fanden sie
Unterkunft innerhalb der Reichsgrenzen, sei es, daß man sie als
Gefangene (S. 134), sei es, daß man sie — meist als Besiegte — auf
ihre Bitten ansiedelte (Sueton, Augustus 21), sei es, daß man sie
als Soldaten oder Beamte in den Staatsverband aufnahm. Ein
Teil dieser fremden Truppen wurde in Quartier gelegt und erhielt
eine Art Ertragsquote vom Kostherrn, ein anderer Teil wurde
als Grenzer angesiedelt, so in Europa, in Asien und Afrika.
Während anfangs schlechteres Land, das sonst nicht verwendbar
war, den Germanen genügte, wurden sie bald anspruchsvoller und
drangen immer weiter vor, waren sie doch ein wesentlicher Teil
der Kriegsmacht. Dabei hielten die eingedrungenen Germanen
immer daran fest, auch wenn sie vollkommen unbotmäßig sich auf
führten, daß sie eigentlich die Vertreter des Monarchen seien, wo
durch die Kontinuation der Institutionen äußerlich einigermaßen
gewahrt wurde. Im 2. und 3. Jahrhundert begannen, wie wir
sahen (S. 134), mit den Germanenkriegen die Ansiedlungen größere
Dimensionen anzunehmen, und von da ab ist ein ununterbrochenes
Vordringen der Stämme zu verzeichnen, wenn die Römer auch zu
wiederholten Malen siegreich waren. Schon im 3. Jahrhundert
drangen germanische Stämme in Mazedonien, Griechenland und
Kleinasien vor und richteten arge Verwüstungen an. Alles das