84 Fünftes Kapitel. Das griechisch-orientalische Wirtschaftssystem.
was darauf hindeutet, daß man nicht ohne weiteres Naturalwirtschaft,
Geldivirtschaft und Kreditwirtschaft als drei Stufen
auffassen kann. Wir sahen, daß die Überweisungs- und Kreditwirtschaft
größeren Stils in Ägypten, so wie in unserer heutigen
Wirtschaftsordnung, an Zentralisation und staatliche Garantie gebunden
war, die sehr verschieden gestaltet sein kann, keineswegs
aber nur in einer Geldwirtschaft möglich ist. Im Gegensatz zur
heutigen Wirtschaftsordnung bestand in der hellenistischen Zeit
keine nähere Beziehung zwischen dem Bank- und dem Geldwesen.
Dies war zum Teil auch die Ursache, weshalb wir in diesem Zeitalter
eine im großen Stil geregelte Zentralisation des gesamten
Kredit- und Geldwesens vermissen. Biele der sog. Staatsbanken,
so z. B. in Ägypten, waren im wesentlichen nur Staatskassen, die
Forderungen einkassierten, z. B. als Steuerämter fungierten, und
Zahlungen leisteten, dabei eventuell eine und die andere bankmäßige
Manipulation vornahmen, so das Überschreiben von Forderungen
von einem Konto auf ein anderes. Aber die Kreditgewährung in
großem Stil, die dauernde Finanzierung großer Unternehmungen
scheint nicht von der Wichtigkeit wie heute gewesen zu sein. Wieweit
bei den einzelnen Banken in Griechenland und Ägypten, die
vor allem Girobanken waren, neben dem Geldwechseln das Leihgeschäft
eine das Geschäftsleben entscheidend beeinflussende Rolle
spielte, entzieht sich ebenfalls unserer Keuntnis. Jedenfalls haben
die Seedarlehen eine große Bedeutung gehabt, und ein großer
Teil der überseeischen Handelsunternehmungen dürfte auf diesem
Wege ermöglicht worden sein (S. 70). Langfristige Kredite waren
nicht allzuhäusig und dementsprechend auch nicht Anlagekredite.
Man muß sich daher vor einer Überschätzung des antiken Geldund
Bankwesens ebenso hüten wie vor Unterschätzung.
Die Finanzverwaltung der Staaten konnte unter den eben
geschilderten Umständen kaum in erheblicher Weise Kreditinstitute
und Banken aller Art benutzen. Über eine weitgehende Münzverschlechterungspolitik
kam man selten hinaus, das systematische
Aufnehmen von Anleihen, etwa gar im Äusland, war nicht üblich,
doch waren derartige Operationen nicht unbekannt (Appian, Sizil.
Gesch. 1). Die Häufigkeit der gewaltsamen Eingriffe ließ die sehr
ausgebreiteten internationalen Beziehungen nicht so dauernd werden,
wie dies heute der Fall ist. Wenn auch die hellenistische Finanzverwaltung
recht fortgeschritten war, so traf man vielfach erst Vorkehrungen,
wenn.man eben das Geld schon brauchte (Aristoteles,