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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
Diese scheinbare Antinomie läßt sich leicht durch eine Unter
scheidung beseitigen, die der Anarchismus wieder dem Liberalismus
entlehnt hat: die Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Re-
gierung — die Gesellschaft: ein selbständiges und lebensnotwendiges
Gebilde; die Regierung: ein künstliches und parasitisches Organ, das
sich der Gesellschaft aufgedrängt hat und sie aufzusaugen sucht 1 ).
Nur hatten sich die Liberalen seit Adam Smith begnügt, diese Unter
scheidung auf die wirtschaftlichen Einrichtungen anzuwenden. Die
Anarchisten beziehen sie auf die Gesamtheit der sozialen Einrich
tungen. Nicht nur das wirtschaftliche Leben, sondern das soziale
Leben unter allen seinen Erscheinungsformen stammt aus einem tief
menschlichen Instinkt: dem Instinkt der Soziabilität, der Solidarität,
der die Menschen dazu treibt, mit ihresgleichen zusammenzuarbeiten,
einander zu helfen und untereinander Gruppen zu bilden. Keopotkin
hat diesen Instinkt gegenseitige Hilfe genannt (Mutual aid) 2 ).
Er ist dem Menschen ebenso natürlich und für die Erhaltung der
Arten sogar notwendiger, als der Kampf ums Dasein. Schon heute
ist es nicht der Zwang, der das gemeinsame Leben kittet und die
Säugetiere“ (Gegenseitige Hilfe S. 71—72). „Der Mensch hat nicht die Ge
sellschaft geschaffen, die Gesellschaft war vor dem Menschen“, sagt er an anderer
Stelle (The State; its historic role, Brosch. London, 1898, S. 6). Jean Geave da
gegen schreibt: „Das Individuum war vor der Gesellschaft . . . Zerstört das Indi
viduum, und es gibt keine Gesellschaft mehr. Wenn die Vergesellschaftung sich
auflöst, wenn die Individuen vereinzelt leben, so werden sie schlecht leben, zum
wilden Zustand zurückkehren und ihre Fähigkeiten werden, anstatt fortzuschreiten,
sich zurfickentwickeln, aber schließlich werden sie doch fortfahren, zu existieren“
(La sooiete future, S. 160 und 162), Diese Auffassung Jean Grave’s ist ihm
durchaus persönlich und stimmt mit der Lehre der wirklichen Gründer der Theorie
Bakunin, Keopotkin, Peoudhon nicht überein. — Übrigens ist es klar, daß diese
letzteren der Wahrheit viel näher kommen, denn es ist ebenso unmöglich, das In
dividuum ohne die Gesellschaft, als die Gesellschaft ohne das Individuum zu be
greifen. Das Individuum ist, wie Bakunin sehr richtig sagt, eine Fiktion, oder, wie
Walhas sich ausdrückt, eine Abstraktion. Viele wird es einige Mühe kosten,
diesen Gedanken anzuerkennen, doch ist er trotzdem der einzige, der mit den Tat
sachen der Geschichte und der Naturgeschichte übereinstimmt. Man kann sich das
Individuum außerhalb der Gesellschaft ebensowenig vorstellen wie einen Fisch außer
Wasser. Ohne Wasser bleibt der Fisch zwar immer noch ein Fisch, aber doch nur
ein . . . toter Fisch.
*) Bastiat spricht von dem „Irrtum, der der verderblichste ist, der jemals die
Wissenschaft behaftet habe, und der darin besteht, die Gesellschaft und die Regierung
zu verwechseln“; er stellt das Problem der Rolle des Staates wie folgt hin: „in
den großen Kreis, der sich Gesellschaft nennt, den Kreis entsprechend einzuzeichnen,
der sich Regierung nennt“ (Harmonies, S. 539 und 540). Dunoyeb drückt
an verschiedenen Stellen den gleichen Gedanken aus.
2 ) Dies ist der Titel des englischen Buches Kbopotkin’s, das ins Französische unter
dem Namen; L’Entr’aide (Paris. 1906) und ins Deutsche unter dem Namen:
Gegenseitige Hilfe (Leipzig, 1908) übersetzt worden ist.