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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
denken dabei vor allem an das antike sinkende Griechenland und Italien und ihre
Bevölkerungsabnahme.
Immer bleibt es wahrscheinlich, daß die ungünstigen Folgen von einzelnen Völkern
früh erkannt wurden, und daß sie in Verbindung mit den großen technischen Fortschritten
der Hirten- und Ackerbauvölker, mit den geläuterten Religionssystemen derselben zu der
nit der höheren Kultur siegenden Auffassung führten, welche alle folche hemmenden Ein⸗
griffe für verwerflich und strafbar, jede Bevblkerungszunahme für ein Glück erklärt.
die Juden, das Christentum, die christlich-germanischen Völker stellten sich auf diesen
Standpunkt. Letztere konnten ihn um so leichter festhalten, als sie Jahrhunderte lang
eroberten, kolonisierten, bei großem Verluste durch Kriege und Krankheiten bis in die
weite Haͤlfte des Mittelalters über einen unausgefüllten Nahrungsspielraum verfügten.
Seit fie aber von 1200 -1400 doch mehr und mehr zur Ruhe gekommen, den Ausbau
n Stadt und Land vollendet hatten und nun nicht mehr ebenso leicht weiter wachsen
konnten, da haben fie zwar nicht wieder so naiv zu Kindsmord, Abtreibung und Ahnlichem
gegriffen wie einstmals die älteren Völker, aber sie haben in Einrichtungen die Rettung
Jesucht, welche mehr indirekt die Zunahme verlangsamen sollten. Es sind die, welche die
uropätsche Bevölkerungsbewegung in der Hauptsache von 1800 —1800 beherrschten.
Schon das Altertum hatte gewisse Institutionen, welche indirekt die Zunahme
hemmten: vor allem die Sklaverei; sie stellle den Geschlechtsverkehr aller Sklaven unter
Zie Kontrolle des Herrn, verminderte die Zahl der Ehen bei den Sklaven außerordentlich,
schränkte auch die eheliche Fruchtbarkeit der Herren durch Laster und Mißbrauch der
Sklavinnen ein. Im Mittelalter kam die Eheschließung der Unfreien und Halbfreien
vieder unter die Kontrolle der Herren. Die patriarchalische Familienverfassung, sowie
die ganze feudale Agrarverfassung mit der Bevorzugung eines Erben, der Geschlossenheit
der Vüler, dem Gesindezwangsdienst verschob das Heiratsalter, zwang viele Erwachsene
zu ehelosem Leben, regulierte die Bevölkerung in beschränkendem Sinne. Und in den
Städten wirkten erschwerte Niederlassung, Zunft- und Realrechte seit 1400 — 1500
ahnlich. Je stabiler die wirtschaftlichen Zustände und je gebundener durch Sitte und
Recht sie waren, desto mehr näherte man sich dem, was Malthus auf seinen Reisen in
Rorwegen und im Kanton Bern als sein Ideal fand: vorsichtige Anpaffung der Ehen
und der Kinderzahl an einen gegebenen engen Nahrungsspielraum mit geringer oder
jast verschwindender Zunahme.
Die zu starke Wirkung solcher Einrichtungen hatte lange Zeit hindurch in Ver—
bindung mit den noch vorhandenen kKrankheiten und Hungersnöten, mit den Kriegen
da und dort Stillstand, ja Rückgang der Bevölkerung erzeugt. Daraus entsprangen die
populationistischen Theorien und die entsprechende Bevölkerungspolitik des aufgeklärten
Despotismus. Weil es in der That von 1600 -1800 in vielen Staaten an Menschen
jehlte, so konnten jene optimistischen Lehren von Sir William Temple, Vauban, dem
älteren Mirabeau und Rousseau, von J. J. Becher, Süßmilch, Justi und Sonnenfels
bis zu Adam Smith entstehen, daß die zunehmende Menschenzahl an sich ein Glück, mit
allen Mitteln zu fördern sei, daß sie den Reichtum der Staaten ausmache und erzeuge.
Und sie hatten damit für ihre Zeit und die ihnen bekannten Länder im ganzen gar
aicht Unrecht; es handelte sich darum, durch gute Verwaltung, Aufhebung aller mög—
lichen Schranken, durch Erleichterung der Ehen, Förderung der Einwanderung, Hemmung
der Auswanderung die zu geringe Menschenzahl zu vermehren. Diese Theorien irrten
aur darin, daß sie den bestimmten stagnierenden Verhältnissen entnommenen Satz: die
größere Menschenzahl erzeugt größeren Wohlstand, allzu sehr generalifierten, die zahl⸗
reichen Mittelursachen und Nebenbedingungen der Kausalkette übersahen.
Als die englische Bevölkerung von 18600 -1800 aber von 2,5 auf 9 Mill. gestiegen
war, erzeugte die Zunahme, welche von 3000 jährlich 1700 41751 suecessive auf 180/00
1811 —21 gewachsen war, auch, 1881—61 noch, 120/00 betrug, immer häufiger ein
periodisches Unbehagen. Schon die Puritaner, die 1620 nach Neuengland zogen, klagen,
daß der Mensch, das Wertvollste auf der Welt, wegen der Überzahl in der Heimat
wertlos geworden sei. Sir Walter Raleigh, Child, Sir James Steuart betonten dann