Thüringen: Unter- und Oberschönau, Steinbach-Hallcnberg, Schmalkalden, Brotterode. ZI
großen Tropfen am Körper herunter. Draußen friert es und Schnee
fällt langsam hernieder. Die ganze Schmiede ist 2 Meter tief, 1 Meter
breit und 2 Meter hoch. Von dieser Schmiede geht eine Türe in eine
Werkstatt, die 3 Meter lang, V/i Meter breit und 2 Meter hoch ist.
Hier geben Fenster genügend Licht für 3 Mann, die an Schraubstöcken
und Bohrmaschinen die Zangen fertig machen. In den Nagelschmieden
liegen die Dinge noch schlimmer. Der enge Raum ist voll Staub und
Schmutz. Die Schlacke und Asche liegt in großen Haufen dort. Es
ist keine Zeit übrig, sie fortzuschaffen. Man klettert darüber weg. Die
Anspannung der Zangenschmiede konnte ich so recht beobachten, wie ich
in eine soeben beschriebene Schmiede eintrat. Beide Schmiede hatten
gerade das Feuer leer geschmiedet. Schweißtriefend, obschon sie nur
mit Hose und keinem Hemd, das weder Ärmel noch Schluß über Brust
uud Rücken hat, bekleidet waren, standen sie und schöpften Luft. Aber
nur einige Minuten dauerte die Pause. Acht Stangen Eisen wurden
aufs neue ins Feuer gesteckt. Der Zuschläger tritt den Blasebalg.
Hitze auf Hitze geht aus dem Feuer und wird gemeinsam ausgeschmiedet.
Alle halbe Minuten liegt ein Zangenteil zur Seite des Amboses, noch
glühend rot. Für solche Kneifzangen gibt es pro Dutzend fix und fertig
1,20 Mk. Das ist kein Arbeiten mehr, das ist Schinden. Das ist
die Hölle. Schlimmer kann sie nicht geschildert werden.
In Schmalkalden werden neben Zangen Ahlen, Sattlerund
Tapezierernadeln, Holzbohrer und andere Werkzeuge fabriziert.
Die Ahlen- und Nadelschmiede stehen zu vier Mann um
ein Schmiedefeuer und pinken, stauchen und blasen. Für 1000 Stück gibt
es 80 bis 90 Pf. Da heißt es fleißig sein, wenn in 12 oder 13 Stunden
pro Tag 3 Mk. verdient werden sollen. Bei der Bohrerfabrikation
wird geschmiedet in den ims bekannten Schmieden. Am Schraubstock,
bei der weiteren Bearbeitung, sind die großen schweren Feilen mit
einem Lederriemen am Arm des Arbeiters befestigt. Ohne Unterbrechung
wird, gebückt auf dem Schraubstock, geschuftet. Für ein Pack
Bohrer, das je nach der Nummer 1 bis 20 die durch Nummer bezeichnete
Zahl Bohrer enthält, zahlt der Kaufmann 70 bis 80 Pf.
Das Eisen, fünf Pfund pro Pack, liefert der Arbeiter ebenfalls neben
allen anderen Zutaten. Wochenverdienst 10 bis 17 Mk.
Zu erwähnen ist noch, daß die Löhne der Polierer, die sich in
den sogenannten Schleiferkothen ihre Plätze ^und Kraft mieten, nicht
besser sind. Sie verrichten ihre Arbeit in Staub und Schmutz viele
Stunden am Tage. Keine Dame, der das Kammerkätzchen die Haare
brennt, wird sich jemals vor Augen stellen können, unter welch
schlechten Verhältnissen die Arbeiter leben und wirken, die ihre Brennschere
machten.
Nördlich von Schmalkalden liegt der preußische Marktflecken
Mrotterode, der am 10. Juli 1895 innerhalb zwei Stunden niederbrannte,
heute wieder neu erbaut ist und 3000 Einwohner zählt. Hier
war schon vor dem Brande die Kleineisenindustrie vorhanden und auch
heute ist dieselbe Industrie zum allergrößten Teile als Heimarbeit
vorhanden. Angefertigt werden Schnallen, Ringe und Trensen zu
Pferdegeschirr, zu Sattel- und Zaumzeug in Hunderten von