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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
steilem „Smithianismus“ und „Manchestertum“ gleichbedeutend. Dies
sind jedoch Auswüchse der Polemik, denen man keine zu große Bedeutung
beilegen darf. Der Liberalismus war nirgends in seiner doktrinären Un
duldsamkeit so weit gegangen, wie gerade in Deutschland. Prince Smith,
sein charakteristischer Vertreter, war im Anschluß an Dunoyer dazu ge-
langt, dem Staat jede andere Rolle, als die eines „Sicherheitsproduzenten 1
abzusprechen, und jede andere Solidarität zwischen den wirtschaftlichen
Kräften als die, die sich aus ihren Beziehungen zu dem gemeinsamen
Markt ergaben, zu leugnen. „Die volkswirtschaftliche Gemeinde als
solche“, sagte er, „ist nur Marktgenossenschaft; sie besitzt, wie besagt,
weiter kein gemeinsames Institut als eben den Markt, und sie hat auch
weiter nichts zu gewähren, als freien Zutritt zu dem Markte“ 1 ).
Für die Staatssozialisten besteht im Gegenteil zwischen den Indi
viduen und den Klassen der gleichen Nation eine moralische Solidarität,
die viel tiefer geht als diese wirtschaftliche: sie beruht auf der Gemein
schaft der Sprache, der Sitten und der politischen Einrichtungen. Der
Staat ist das Organ dieser moralischen Solidarität, und aus diesem Grunde
hat er nicht das Recht, dem materiellen Elend eines Teiles des Volkes
gleichgültig gegenüber zu stehen. Er hat daher mehr als nur eine einfache
Schutzpflicht gegen äußere oder innere Gewalttätigkeit zu erfüllen, es
liegt ihm eine wirkliche Aufgabe ob: nämlich, „für Kultur und Wohl-
faJhrtszweck zu sorgen“ 2 ). Hier stellt sich der Staatssozialismus auf den
philosophischen Boden, den Lassalle erwählt hatte. Er schließt sich seiner
Auffassung von der Aufgabe und historischen Rolle der Regierungen an-
Und er tritt, indem er sich mit Entschiedenheit auf den nationalen Stand
punkt stellt, in enge Beziehung zu Friedrich List.
Man wird sich nun fragen, ist der Staat überhaupt imstande, diese
Aufgabe, die man ihm zuweist, zu erfüllen? Wenn er sie nicht mit Nutzen
erfüllen kann, so hat es gar keine Bedeutung, daß man sie ihm zuspricht-
Ist die völlige Unfähigkeit des Staates als wirtschaftliche Kraft nicht
schon längst nachgewiesen ? — Adolf Wagner und seine Freunde haben
sich bemüht, gerade gegen diese Idee anzukämpfen. Der selbständigst®
Teil ihrer Lehre besteht in einem Versuch, den Staat zu rehabilitieren-
Den Optimisten der Schule Bastiat’s erschien die Regierung als die ver
körperte Unfähigkeit. Den Staatssozialisten ist im Gegenteil die Regierung
eine wirtschaftliche Kraft, gerade wie jede andere und sogar sympathischer
*) An anderer Stelle schrieb er: „Aber dem Staat erkennt der Freihandel k e ’ n
andere Aufgabe zu, als eben die eine: die Produktion von Sicherheit.“ Von Schönbeb
im Handbuch der politischen Ökonomie angeführt, 2. Aufl. Tübingen ’
S. 59, § 34, Reihe 53. Die Zitierung ist dem Handwörterbuch der Volkswirtscha ^
lehre von Rentzsch, Aufsätze über Freihandel, und über Handelsfreiheit entlehn >
Bpg. 1866 (Verlag Gustav Meyer), S. 440, Reihe 1.
2 ) (Wagner, Grundlegung, S. 885.)