Contents: Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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lieh durch Befragung unter Zuhilfenahme eines Wochenbudgets ein 
Jahresbudget zustande kommen kann, das sich in Einnahme und 
Ausgabe genau deckt, wie es die Budgets Le Play’s tun. Man hat 
bei allen diesen so sehr minutiösen Berechnungen immer den Ein 
druck des Errechneten, nicht des Tatsächlichen. Es i 
kommt hinzu, daß der Aufenthalt Le Play’s bei einer Familie oft 
nicht länger dauerte, als zur Aufnahme eines Wochenbudgets ge 
hörte, „mindestens eine Woche, oft einen ganzen Monat“, in einzelnen 
Fällen auch wohl mehrere Monate. Die Beobachtungszeit von einem 
Monat ist doch nur ein kleiner Ausschnitt aus der Mannigfaltigkeit 
des ganzen Jahres. Aber selbst so viel Zeit hat Le Play gar nicht 
an jede einzelne Monographie wenden können. Abgesehen davon, 
daß er in derselben Zeit neben den Familien-Untersuchungen noch 
viele sonstige Studien trieb, technische, geologische usw., ergibt eine 
einfache Berechnung, daß für die meisten der von ihm gesammelten 
300 Budgets nicht so viel Zeit verfügbar sein konnte. 
Ferner hat Le Play das feste Schema für seine Unter 
suchungen sich erst allmählich gebildet; es mußten daher not 
wendigerweise sich viele Lücken bei der Bearbeitung zeigen. Le 
Play glaubte einen ganz sicheren Maßstab für die Richtigkeit eines 
Budgets zu haben: die restlose Deckung der Einnahmen 
und Ausgaben. Es ist aber nicht einzusehen, weshalb die Über 
einstimmung zwischen Einnahmen plus Ersparnis auf der einen, den 
Ausgaben auf der anderen Seite ein Beweis exakter Wiedergabe der 
Wirklichkeit sein muß und nicht vielleicht Zufall oder nur errechnete 
Übereinstimmung in der Gesamtsumme. Ist die eine Seite des Budgets 
wenigstens durch ganz genaue Zahlenangaben bestimmt, z. B. die 
Einnahmen, so bietet eine gut durchgeführte mündliche Befragung 
nach den Ausgaben dann ziemliche Gewähr für die Richtigkeit, 
wenn sich Einnahmen und Ausgaben decken. Etwaige kleine Diffe 
renzen bleiben unseres Erachtens auch dann besser bestehen, da 
sie nicht die natürlichen Mängel der Methode verwischen, wie es 
die, ja doch nur errechnete Übereinstimmung auf den Bruchteil eines 
Pfennigs bei Le Play tut. Bei ihm fehlt aber jene Voraussetzung, 
und beide Budgetseiten bieten Möglichkeiten zu fehlerhafter 
Berechnung. Hat der Befraget’ nun zuerst die Einnahmen fest 
gestellt, so wird er Sich bei den Ausgaben zufrieden geben, sobald 
hier die Summe der Einnahmen erreicht ist, obwohl die Familie 
vielleicht mit einem chronischen Defizit arbeitet oder ihre Erspar 
nisse in Verbesserung des Inventars, in Bauten usw. verwendet.
	        
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