223*
Waffenfabrik Mauser, A.-G., Oberndorf
am Neckar (Württemberg).
Allgemein bringen es die Verhältnisse in der Waffenindustrie mit sich, daß in ihr mehr
als in anderen Fabrikbetrieben Häufung der Arbeit mit ruhigen Zeiten wechselt, daß infolgedessen
die Zahl der beschäftigten Arbeiter große Schwankungen aufweist. Große
Staatsaufträge verlangen meist mit Rücksicht auf den Zweck: schnelle Neubewaffnung
einer Armee, kurze Lieferzeit und damit volle Anspannung des Betriebes, während unmittelbar
nach ihrer Erledigung — wenn nicht andere Aufträge vorliegen — aus geschäftlichen
Rücksichten der Betrieb stark eingeschränkt werden muß. Hochbetrieb und Schwachbetrieb
wechseln daher meist mit schroffen Übergängen. Dies ergibt ein eigenartiges Bild
in der Arbeiterbewegung, ein Zu- und Abströmen, wie es aus der untenstehenden graphischen
Darstellung ersichtlich ist.
Bei der Waffenfabrik Mauser hat sich nun durch die Notwendigkeit, schnell über eine
Menge geschulter Arbeiter verfügen, von diesen aber einen großen Teil nach Erledigung
des Auftrages wieder entlassen zu müssen, ein eigenartiges Verhältnis zwischen Arbeitgeber
und Arbeitnehmer herausgebildet. Dieses ist von sozialer Bedeutung insofern, als es
die scharfen Forderungen der Industrie mit dem Wohl des einzelnen in harmonische Verbindung
bringt und in seinen Wirkungen denen einer ausgezeichneten
ARBEITSLOSENVERSICHERUNG, also eines nicht unwesentlichen Teiles der Arbeiterfürsorge,
gleichkommt. Die Arbeiterschaft der Fabrik setzt sich aus einem Stamm von
ständig beschäftigten Arbeitern (etwa 1200 Köpfen) und einer Art von Arbeiterreserve
zusammen, die zu jenem erforderlichenfalls schnell hinzutreten kann. Diese Arbeiterreserve
ist (wie auch der Stamm) zum Teil in Oberndorf selbst, zum größeren aber in der
näheren Umgebung ansässig. Sie geht bei Schwachbetrieb ihren gewöhnlichen bürgerlichen
Beschäftigungen nach. Zieht man militärische Einrichtungen zum Vergleich heran,
so bildet also der Stamm von Arbeitern nebst den Meistern und den Beamten die Offiziere,
Unteroffiziere und Kapitulanten eines Truppenteils, während der andere Teil, zur Reserve
entlassen, jederzeit seiner Einberufung gewärtig ist.
Hierdurch werden für den größten Teil der Arbeiter die sonst empfindlich wirkenden
Übergänge zwischen Arbeit und aufgezwungener Ruhe ausgeglichen. Arbeitgeber und
Arbeitnehmer sind, unabhängig von dem Geschäftsgang der Fabrik, zu einem Körper
verbunden, und dieser Einrichtung verdankt die Fabrik zum großen Teil ihren patriarchalischen
Charakter. Solange die Fabrik besteht, hat auch niemals eine Arbeitseinstellung,
ein Lohnstreik oder ähnliches stattgefunden, andererseits hat es ihr in schwierigen Zeiten
aber auch nie an Arbeitern gemangelt. Die sich hierin äußernde Zufriedenheit der Arbeiter
mit dem Arbeitgeber, durch die das beiderseitige Interesse nur gefördert wird, hat weiterhin
in einer ganzen Anzahl von Wohlfahrts- und Fürsorgeeinrichtungen eine kräftige Stütze
erhalten. Zu ihrer Beurteilung scheinen einige statistische Angaben unerläßlich.
Die 1872 gegründete Waffenfabrik besteht aus drei in sich abgeschlossenen und örtlich
nicht zusammenhängenden Werken, nämlich dem von den Brüdern Mauser 1872 gebauten
„Oberen Werk“, der 1874 übernommenen ehemaligen Kgl. Württ. Gewehrfabrik, dem
„Unteren Werk“ und dessen 1885 erfolgter Erweiterung, dem „Äußeren Werk“ (zusammen
24246 qm). Bei vollem Betrieb und einer Leistung von 500 Gewehren für den Tag beschäftigen
diese Werke insgesamt 33 Beamte, 58 Meister und ca. 2800 Arbeiter, von
letzteren beiden das Äußere Werk 1100, das Untere 1100 und das Obere 600 Köpfe.
Greift man zur Beurteilung der inneren Verhältnisse des Arbeiterkörpers der Fabrik
das Jahr eines Hochbetriebes: 1907 heraus, so wurden in diesem außer 15 technischen