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Die berühmten Völker *) der Vergangenheit haben diesen Appell (zu einer
von Le Play angeregten „Schule der Reisen“) gerechtfertigt, indem sie die
Nützlichkeit der Kelsen an berühmten Beispielen erwiesen. Die Mustervölker
unserer Zeit ziehen großen Gewinn aus dieser Ergänzung der Erziehung, um
die Handfertigkeit der Arbeiter, die Intelligenz der Unternehmer nnd die
Weisheit der Staatsmänner zu entwickeln. Die Schriftsteller, die ich oft zitiere,
haben es der Beachtung ihrer Zeitgenossen empfohlen. So empfiehlt z. B.
Plato den Athenern, zu einer Zeit, wo das intellektuelle und moralische Leben
bei ihnen sehr zerrüttet war, über Land und Meer zu gehen und die Tugend
bei den „göttlichen Menschen“ aller Länder zu suchen. Montaigne betrachtet
das Reisen als notwendig für die Erziehung eine.s Adels, der diesen Namen
verdient; aber er verwarf es, daß die letzten Valois dazu verführt hatten,
dieses Vervolikommnungsinittel zu seichten Beobachtungen anzuwenden. Nach
der Verwirrung, die zwei Revolutionen in den Ideen und Sitten Englands an
gerichtet hatten, empfahl Locke das Studium einer fremden Sprache und die
Konversation der Menschen, die sie sprechen, als ein Mittel, um die Jugend
wieder zur Weisheit und Klugheit zurückzuführen
Diesen Gründen aus der Vergangenheit großer Völker und der Schrift
steller, die ich zitiert habe, kann ich die hinzufügen, die mich die Erfahrung
eines langen arbeitsreichen Lebens gelehrt hat. Die fünf Lehrer, die mich
auf den Weg der Wahrheit geführt haben, waren alle durch ihren Aufent
halt in fremden Ländern zu ihr gelangt. Indem ich selbst während 35 Jahren
lange Reisen mit einer sicheren Methode unternahm, habe ich die notwendige
Ergänzung ihrer Lehren gefunden.
Neben leitenden Staatsmännern lernte er dabei vor allem viele
große Industrielle, Bergwerksbesitzer und Landwirte kennen, auf
deren Ansichten über soziale Fragen er den größten Wert legte; er
hielt diese Männer („Autorites sociales“) für am meisten urteilsfähig,
weil sie einen reichen Schatz von Erfahrungen hätten und weil ihre
Praxis die Richtigkeit ihrer Meinungen erwiese. Im übrigen ver
schaffte sich Le Play Material, wo es nur angängig war. Lefebure
de Fourcy * 2 ) entwirft ein Bild von Le Play’s Art zu reisen, das
seiner Anschaulichkeit wegen wiedergegeben sei.
Keiner, glaube ich, wußte zu reisen wie Le Play. Von kleiner Statur
und schlankem Wuchs, mit Beinen von Stahl, wohl bewandert in der Fuß
gängerausrüstung, trotzte er den Unbilden der Sonne wie des Regens, be
gnügte sich mit schlechten Mahlzeiten und schlechten Herbergen und legte
so ohne Ermüdung gewaltige Strecken zurück, bei der Ankunft so frisch wie
beim Abmarsch. Keiner verstand es so wie er, aus Menschen und Dingen
wertvolle Mitteilungen über das herauszuholen, was er gerade im Auge hatte.
Industrielle und Arbeiter, Großgrundbesitzer und Bauern, Professoren und
Studierende, Herbergsväter und Reisende, alle mußten ihm herhalten. Türen,
>) 0. E. I, 598.
2 ) Annales des mines, juillet-aoüt 1882.