Full text : Die Arbeiterfrage in der Südrussischen Landwirtschaft

Zwar  findet  die  Verwendung  des  Akkordlohnes  noch  immer  häufig
statt,  doch  weist  seine  Entwickelung  in  der  letzten  Zeit  zwei  charakteristische ­
  Erscheinungen  auf:  1.  dass  die  Verwendung  des  Akkordlohnes
in  verschiedenen  Gegenden  ungleichmässig  ist  und  2.  dass  sie  in  der
letzten  Zeit  abgenommen  hat  zu  Gunsten  des  Tagelohnes.  In  der  Form,
wie  der  Akkordlohn  in  den  neurussischen  Gouvernements  verwendet  wird,
unterscheidet  er  sich  von  den  Akkordlohnverträgen  in  zentralrussischen
Gouvernements,  in  deren  Arbeitsverfassung  sie  die  vorherrschende  Form
des  Arbeitslohnes  bildet.  Dort  werden  die  Akkordarbeiten  mit  dem
bäuerlichen  Inventar  verrichtet  und  somit  fällt  der  Akkordvertrag  mit
der  einjährigen  Pacht  zusammen;  hier  aber,  infolge  der  Verwendung
einer  grossen  Zahl  von  Wanderarbeitern,  die  sich  für  Geldlohn  verdingen, ­
  werden  die  Akkordarbeiten  fast  ausnahmslos  mit  dem  gutsherrlichen ­
  Inventar  ausgeführt.  Bei  Entlohnung  in  Geld  bringt  der  Akkordlohn ­
  den  Gutsherren  nicht  mehr  solche  Vorteile,  wie  in  Zentralrussland.
III.  Sehr  häufig  werden  auch  Fristlöhne  verwendet.  Früher  übertraf ­
  die  Zahl  der  Fristarbeiter  die  der  Taglöhner;  so  betrug  sie  in  zwei
Kreisen  des  Gouv.  Cherson  in  den  90er  Jahren  45,3  °/o,  dagegen  die  der
Taglöhner  31,5%  der  gesamten  Zahl  der  Landarbeiter.  Jetzt  hat  sich
dieses  prozentuale  Verhältnis  bedeutend  vermindert  und  die  Angaben
über  die  Lohnsätze  der  Fristarbeiter  werden  immer  lückenhafter  und  unbestimmter. ­
  Trotz  alledem  ist  die  Verbreitung  der  für  längere  Fristen
geschlossenen  Arbeitsverträge  noch  bedeutend  und  wird  vor  allem  durch
die  klimatischen  Verhältnisse  in  der  neurussischen  Landwirtschaft  gefördert. ­
  Die  Feldarbeiten  dauern  eine  lange  Zeit,  im  Allgemeinen  nicht
weniger  als  219  Tage  im  Jahre.
Die  dringlichsten  Arbeiten  fallen  aber  nur  in  die  Zeit  der  Getreideernte. ­
  In  dieser  Zeit  war  früher  der  Bedarf  von  Arbeitskräften  so  gross,
dass  die  Gutsherren  vor  10—12  Jahren  verschiedene  Massnahmen  ergreifen ­
  mussten,  um  sich  mit  Arbeitskräften  zu  versehen.  Es  wurden
oft  Agenten  in  andere  Gouvernements  geschickt,  um  dort  Arbeiter  für
die  neurussischen  Gutswirtschaften  zu  werben.  Eine  der  Bedingungen
für  den  Abschluss  des  Arbeitsvertrages  war  die  Abgabe  eines  Vorschusses. ­
  Manchmal  entsprach  dieser  Vorschuss  genau  dem  bedungenen
Arbeitslöhne  und  somit  blieb  ,  dem  Arbeiter,  sobald  er  auf  dem  Arbeitsorte ­
  angekommen  war,  nichts  übrig,  als  die  ihm  bestimmte  Arbeit  zu
verrichten.  Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  unter  solchen  Umständen
die  geeignetste  Form  des  Arbeitslohnes  der  Fristlohn  war.  Jetzt  aber
vermindert  sich,  mit  dem  Aufhören  der  Gewohnheit,  Arbeitskräfte  durch
            
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