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für die Wanderung zu erhalten, entweder ihre Habe verkaufen resp. ver
pfänden oder bei Verwandten oder guten Bekannten Geld leihen. Ihre
Geldmittel sind daher so beschränkt, dass sie fast gar keine Möglichkeit
haben, den ganzen Weg per Eisenbahn oder mit dein Schiff zurückzu-
lcgen. Die meisten gehen zu Fuss oder fahren nur teilweise. Erst in
der letzten Zeit, seitdem die Eisenbahnverwaltung besondere Arbeiterzüge
verkehren Hess und der Eisenbahntarif für Arbeiter etwas ermässigt
wurde, nahm die Zahl der mit der Eisenbahn Fahrenden zu. Noch immer
aber bilden diese Letzteren eine Minderheit. So betrug die Zahl der mit
der Eisenbahn nach Südrussland Gekommenen im Jahre 1898 71 183,
1899 45 444, 1900 79 225, 1901 103 51 1 und 1902 206 618. Die Mehr
zahl aber kommt nach Neurussland zu Fuss, z. B. im Jahre 1895 sind
zu der Naturalverpflegungsstation Kachowka aus 24 Gouvernements ge
kommen: zu Fuss 33,5 °/o, mit dem Ruderboot 40,36 °/ 0 , mit Eisenbahn
und Dampfer 2,69 °/o, teilweise zu Fuss und teilweise mit der Eisenbahn
oder dem Dampfboot 23,45 °/o-
Die Wanderarbeiter, die per Eisenbahn fahren, haben nicht die
ganze Reise hindurch ihre «Wohnung» in den Waggons. Da sie in der
IV. Klasse fahren, so müssen die Arbeiter mehrere Nächte auf den Eisen
bahnstationen verbringen. Aber da diejenigen, die mit Zügen oder
Schiffen fahren, überhaupt eine Minderheit bilden, so kommen sie sehr
wenig in Betracht. Die meisten gehen zu Fuss oder fahren mit ge
mieteten Ruderkähnen, sog. Jollen (russisch: Duby) und müssen also die
Nächte auf dem Felde unter freiem Himmel oder in den städtischen
Herbergen zubringen. Das letzte können nur die Arbeiter tun, welche
einzeln oder in kleinen Gruppen wandern. Da sie aber meistens in
Artjels wandern, so dienen ihnen die grossen weiten Steppen als Nacht
quartiere. Neben den Feldwegen schlafen sie alle zusammen am Boden.
ln den neurussischen Gouvernements dienen die Arbeitermärkte den
Wanderarbeitern als Aufenthaltsplätze. Aber auch hier steht es mit den
Wohnungsverhältnissen nicht viel besser. Auf einigen Arbeitermärkten
sind von den Semstwoverwaltungen mehr oder weniger grosse Baracken,
Schuppen oder dgl. errichtet. Sie sind aus Holz gezimmert und etwa
70—120 Fuss lang und 15—48 Fuss breit. Viele Baracken sind noch
kleiner. Sie können nur 20—30 Menschen aufnehmen, tatsächlich aber
verbringen 200—300 Menschen dort die Nacht. In Rostow a. D. hat die
Stadtverwaltung in der letzten Zeit etwas bessere Asyle für die Wander
arbeiter errichtet. Es sind jetzt dort für 500 Menschen eingerichtete
Baracken mit Wandbetten zum Schlafen vorhanden. In der Nacht sind
sie beleuchtet, was in anderen Baracken sehr selten vorkommt. Die