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II. Teil. Arbeiterwohlfahrtspolitik.
Sicherung. Von einer Witwen- und Waisen Versicherung kann nur in
sehr beschränktem Umfange die Eede sein.
Die Frage, ob es zur Sicherstellung der Arbeiter und ihrer An
gehörigen und Hinterbliebenen gegen die Folgen von Krankheiten,
Unfällen, Invalidität und Alter überhaupt einer Versicherung bedarf,
kann nur in der Theorie verneint werden. In der Wirklichkeit ließe
sie sich nur verneinen, wenn die wirtschaftliche Lage der Hauptmasse
der Arbeiter so günstig wäre, daß ihnen ihre Löhne die Ansammlung
ausreichender unmittelbarer Ersparnisse ermöglichte, und zwar aus
reichend auch für den Fall, daß das schädigende Ereignis schon sehr
früh eintritt. Aber selbst wenn man das für möglich halten und
gleichzeitig voraussetzen wollte, daß die menschliche Schwäche die
Arbeiter an einer verständigen und ausreichenden Beiseitelegung von
Teilen ihres Lohnes nicht hindern würde, wäre das vom volkswirt
schaftlichen Standpunkt aus nicht der zweckmäßigste Weg, die Sicher
stellung zu erreichen. Eine Zusammenfassung der Arbeiter zu Ver
sicherungsorganisationen würde jedenfalls auch bei so hohen Löhnen
den Vorzug haben, daß sie mit einem geringeren Gesamtaufwand die
Sicherstellung des einzelnen Arbeiters ermöglicht, bei dem die Gefahr
sich verwirklicht. Die organisierte Versicherung ist wirtschaftlicher,
als das getrennte Vorgehen der einzelnen. Dieser Umstand ist um so
wichtiger, je weiter die tatsächlichen Löhne von der oben vorausge
setzten Höhe entfernt sind. Die Versicherung ist also von praktischen
Gesichtspunkten aus unentbehrlich, wenn man etwas erreichen will.
Das gilt aber nicht nur, wenn man die Arbeiterinteressen ins Auge
faßt, sondern auch vom Standpunkt der Unternehmerinteressen aus.
Es läßt sich eine Sicherstellung der Arbeiter gegen die Folgen der
Krankheiten, Unfälle usw. auch in der Form denken, daß die Unter
nehmer verpflichtet werden, für die Arbeiter in solchen Fällen in be
stimmtem Umfange zu sorgen. Verschiedene Gesetze sind nach dem
oben Ausgeführten bei den Unfällen diesen Weg mit mehr oder minder
Entschiedenheit gegangen. Hierbei häuft sich bei dem Unternehmer
das Eisiko aller seiner Arbeiter an. Da die Mehrzahl der Unternehmer
genötigt ist, mit ihren Mitteln sorgfältig Haus zu halten, so sind viele
Unternehmer bei einem solchen Vorgehen in Gefahr, durch das ange
häufte Eisiko in einem gegebenen Augenblicke erdrückt oder doch an
einer rationellen Verbesserung und Vergrößerung der Ausrüstung und
Leistungsfähigkeit des Unternehmens gehindert zu werden, sofern jeder
auf sich gestellt ist. Die Versicherung verhindert das und entzieht
der unmittelbar produktiven Verwendung im ganzen viel weniger Geld
kapitalien, als das getrennte Vorgehen der einzelnen.
In Wirklichkeit ist das Gesagte von Arbeitern und Unternehmern
längst als richtig anerkannt. Die Arbeiter haben sich zu Hilfs- und