3. Kapitel. Die sozialpolitischen Richtungen.
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Agitation hinzustellen, obwohl der weitaus größte Teil der sozial
politischen Gesetze gegen die sozialdemokratischen Stimmen zustande
gebracht werden mußte. Dies Verhalten entspringt Zweckmäßigkeits
erwägungen, hat aber mit dem Wesen der Sache nichts zu tun. Die
Sozialpolitik ist in Wahrheit weder eine Annäherung noch eine Kon
zession an den Sozialismus. Ihr Ausgangspunkt und ihr Ziel sind
vollständig anders, als die des Sozialismus.
Der Sozialismus hat zwar zur Erkenntnis der vorhandenen Miß
stände manches beigetragen, obwohl seine Kritik an den bestehenden
Zuständen vielfach weit über das Ziel hinausschoß, und er hat sich
weiter nach Kräften und nicht ohne Erfolg bemüht, die durch die
neuere Sozialpolitik geschaffenen Organisationen als Stützpunkte seiner
Agitation zu benutzen. Aber es ist ihm unmöglich, sich ganz auf den
Boden der Sozialpolitik zu stellen, weil er damit eine der wichtigsten
Stützen seines ganzen Gebäudes zerstört. Der Sozialismus sieht nicht
nur die vorhandenen Mißstände als notwendige Folge der heutigen
Gesellschaftsordnung an, sondern er leugnet auch die Möglichkeit, vom
Boden dieser Gesellschaftsordnung aus und unter Aufrechterhaltung
ihrer wesentlichen Grundlagen eine nennenswerte Besserung der Lage
der arbeitenden Klassen herbeizuführen. Deshalb gerade fordert er
die völlige Beseitigung der heutigen Gesellschaftsordnung und ihre
Ersetzung durch eine neue Ordnung, die sich infolge der mit ihr ein
tretenden Überführung aller Produktionsmittel in das Gemeineigentum
auf völlig andere Grundlagen stützen muß.
Die Sozialpolitik erkennt die Mißstände, die aus der neueren Ent
wickelung hervorgegangen sind, durchaus an, aber sie sieht darin
Schwächen und Auswüchse der heutigen Gesellschaftsordnung. Darin
liegt, daß sie die pessimistische Auffassung von der Unverbesserlichkeit
dieser Ordnung nicht teilt. Im Gegenteil, sie geht davon aus, daß die
Gesellschaftsordnung zwar der Verbesserung und Weiterentwickelung
bedarf, aber auch dessen durchaus fähig ist. Deshalb will die Sozial
politik die Mißstände mildern und wenn möglich beseitigen, ohne alle
die Hebel des wirtschaftlichen und kulturellen Fortschrittes zu zer
stören, die durch die heutige Ordnung geboten werden. Die Sozial
politik will den Mißständen nicht, wie der Sozialismus, durch Auf
hebung und Vernichtung, sondern durch organische Fortentwickelung
der vorhandenen Grundlagen des Gesellschafts- und Wirtschaftslebens
entgegenwirken. Sie führt deshalb nicht zur Auflösung, sondern zur
Verbesserung und Befestigung der Ordnung, auf die sich die Ver
hältnisse der heutigen Kulturstaaten gründen. Dieser grundsätzliche
Gegensatz zwischen Sozialpolitik und Sozialismus mag oft genug ver
wischt werden; zu beseitigen ist er nicht ohne Zerstörung des inneren
Wesens der einen oder der anderen Richtung.