179
12*
fünf Distrikten der Vereinigung berief ich verfassungsgemäss eine
Generalversammlung aller Bergarbeiter für den 17. Juli nach
Indianapolis.
Um diese Zeit hatte die Notlage im Hartkohlenfeld schon
begonnen. Viele, die vor zwei Monaten hoffnungsvoll in den Streik
gegangen waren, hatten ihre letzten Wertsachen verpfändet. Viele
der fremden Arbeiter waren nach anderen Teilen des Landes oder
zurück nach Europa gegangen, aber die Hauptmasse der zurückbleibenden
begann die Schrecken des Hungers zu spüren. Eine
Aufhebung des Bergbaues im ganzen Lande würde die Bahnen
zur Übergabe gezwungen haben und die Leute im Weichkohlenfekl
waren zu jedem Opfer bereit und würden zweifellos
den Sympathiestreik erklärt haben.
Aber der Vertrag mit den Unternehmern bildete ein unüberwindliches
Hindernis. Hier waren in gemeinsamen Versammlungen
bereits Arbeitsverträge und Lohnskalen für je ein Jahr vereinbart,
und der laufende Vertrag lautete bis zum April 1903. Wie im Stahlstreik
1901 meinten einige, die Pflicht der Selbsterhaltung ginge
über die Heiligkeit jedes Vertrages, und eine Einstellung der Arbeit
ohne Forderung auf Änderung der Arbeitsbedingungen sei kein
eigentlicher Streik, da im Vertrag die Lohnrate pro Tag, aber nicht
die Zahl der Arbeitstage pro Jahr festgesetzt sei. Aber obgleich
man wusste, dass der Angriff auf die Haltkohlenbergleute nur der
erste Schlag gegen die Gewerkschaft war, und im Verlustfalle bald
darauf die Weichkohlenleute vernichtet würden, nannten diese obige
Argumente Spitzfindigkeiten und hielten an ihren Verträgen fest.
Auch ich erklärte dies in meiner Bede als eine Ehrensache für
die gesamte Arbeiterschaft, auf deren Entscheidung alle Freunde
im Lande ängstlich nach Indianapolis schauten. Und so beschloss
denn schliesslich die Versammlung einhellig, also unter Zustimmung
der Hartkohlenleute, der Versuchung zum Trotz die Verträge aufrechtzuerhalten.