Full text : Organisierte Arbeit

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in  den  schlechten  Zeiten  1893/94  die  halbverhungerten  Leute  in
den  Grosstädten  an  den  Zeitungsausgaben  bei  Tagesanbruch
warten  und  bei  der  Ausgabe  zu  den  angebotenen  Stellen  hin
stürzen  sehen,  um  um  jeden  Preis  anzukommen.  Und  wenn  man  in
schlechten  Zeiten  auf  die  Annonce  nach  einem  Bureaugehilfen
Hunderte  von  Angeboten  erhält,  so  steckt  unendlich  viel  unbeachtetes
Elend  hinter  einem  solchen  Überangebot.
Dieses  grenzenlose  Angebot  des  freien  Marktes  kann  durch
die  Gewerkschaft  dadurch  reguliert  werden,  dass  die  Löhne  nicht
mehr  nach  den  Forderungen  des  ärmsten  und  schwächsten,  sondern ­
  nach  denen  des  Durchschnittsarbeiters  bestimmt  werden.
Die  Arbeit  wird  dadurch  aus  der  Beihe  leicht  verderbender
Waren,  die  sofort  um  jeden  Preis  verschleudert  werden  müssen
gestrichen  und  zu  grösserer  Stabilität  gehoben.  Die  instinktive
Moral  des  Arbeiters  gegen  das  Unterbieten  wird  zusammengefasst
in  das  Gebot  der  Gewerkschaft:  „Du  sollst  nicht  stehlen
deines  Nächsten  Arbeitsplatz,“  aber  gleichzeitig  wird
auch  der  Zwang  und  die  Notlage  von  ihm  genommen,  die  diese
Moral  so  oft  niederzwingen,  und  es  wird  ihm  im  Beamten  der
Gewerkschaft  ein  Unterhändler  zur  Verfügung  gestellt,  der  geübt
ist,  die  bestmöglichen  Bedingungen  zu  erkämpfen.
Aber  nur,  wenn  wir  den  Arbeitsvertrag  nicht  nur  als
das  Tauschgeschäft  zwischen  der  Ware  Arbeit  und
dem  Besitzer  einer  Summe  Kapital  betrachten,  sondern ­
  die  Abhängigkeit  von  Gesundheit,  Moral,  Bildung  und
Familienleben  des  Arbeiters  und  von  der  Höhe  seines  Einkommens
berücksichtigen,  können  wir  die  Notwendigkeit  der  Gewerkschaften ­
  voll  erfassen.  Die  Frage,  ob  Organisation  der  Arbeitskraft ­
  oder  nicht,  ist  die,  ob  der  Arbeiter  einige  seiner  Lebensbedingungen ­
  selbst  mit  soll  beeinflussen  können,  oder  ob  die
Sache  der  Gier  des  Unternehmers  oder  der  Grausamkeit  eines
Meisters  soll  überlassen  bleiben.
Die  Arbeitskraft  ist  ein  Gut,  dessen  Preis  sich  ebenso
wenig  wie  der  eines  anderen  Gutes,  ebenso  wenig  wie  Ebbe  und
Flut,  künstlich  regulieren  lässt.  Aber  die  Eigenart  dieses  Gutes,
dass  es  ein  untrennbarer  Bestandteil  seines  Verkäufers  ist,  sollte
ihm  vor  Gesetz  und  Volk  zu  einer  höheren  Wertung  gegenüber
der  Aufspeicherung  von  Vermögen  verhelfen.  Die  Schwierigkeit,
die  Arbeit  mit  Nutzen  zu  verkaufen,  liegt  zunächst  in  der  Bindung
des  Absatzes  an  den  Aufenthaltsort  des  Verkäufers,  an  derünmög-
            
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