61
Die Unterordnung - auch der andern Kassen unter diese Politik
mag dem Arbeiter auf den ersten Blick diese Art der Versicherung
als einen gewissen Nachteil gegenüber der bei einer Versicherungsgesellschaft
erscheinen lassen. Denn es besteht hier
nicht die absolute Garantie, die Prämien ausgezahlt zu erhalten,
die er eingezahlt hat. Denn, wenn diese Kassen auch in der
Regel von den übrigen Geldern der Organisation getrennt verwaltet
werden, so können sie doch möglicherweise bei Gelegenheit
eines grossen Streiks oder einer Wirtschaftsdepression zur Arbeitslosenunterstützung
benutzt werden. Nach Zahlung mehrerer
Jahresbeiträge mögen auch erhöhte Umlagen auf erlegt werden,
und wer aus der Vereinigung ausgeschlossen wird, dessen Einzahlungen
können gänzlich verfallen.
Aber nicht nur sind in der Praxis diese theoretischen Nachteile
nie eingetreten und die Gewerkschaften stets imstande gewesen,
ihren Verpflichtungen gegenüber den Mitgliedern nachzukommen,
sondern vom Standpunkt der Gewerkschaft aus hat
dieses System bedeutsame Vorzüge. Es hat die besten Arbeiter
den Vereinigungen zugeführt, eine gewisse Begeisterung und einen
Gemeinschaftsgeist aufrecht erhalten. Und wie der Besitz eines
Fonds die Gewerkschaft in den Verhandlungen mit den Unternehmern
stärkt, so macht er die Mitglieder auch besonnener, hält
er sie davon ab, denselben in unnützen Reibereien aufs Spiel zu
setzen. Dazu kommt der günstige Einfluss auf die Aufrechterhaltung
der Disziplin, da die Ausstossung zu einer fühlbareren
Strafe wird. Und während in gewöhnlichen Umlage-Versicherungsgesellschaften
mit steigender Rate leicht ein Zuströmen jüngerer
Mitglieder nachlässt und damit das Durchschnittsalter steigt, hält
die Gewerkschaft mit ihrer Zwangsversicherung diesen Strom
frischen Blutes und das Durchschnittsalter aufrecht. So sind die
Prophezeiungen der führenden englischen Versicherungsfachmänner
vom Jahre 1867, dass die gewerkschaftliche Versicherung bald
bankerott sein würde, in der Praxis zu Schanden geworden.
Die 100 wichtigsten englischen Gewerkschaften gaben in
den 10 Jahren vor 1901 für Unterstützungen 180 Millionen Mk.
aus, davon 64 für Arbeitslosigkeit, 52 für Krankheit und Unglücksfälle,
29 für Altersrente, 33 für Begräbnisse usw. Die Arbeitslosenunterstützung
schwankt natürlich stark mit der Konjunktur;
sie erreichte ihren Höhepunkt 1893, ihren Tiefpunkt 1899 und ist
seitdem stetig gestiegen. Die Krankenunterstützung wurde 1892