172
Zweiter Teil. Handel. VIII. Der Wettbewerb im Handel rc.
3. Typische Fälle unlauteren Wettbewerbes.
Von Wilhelm Stieda.
Stieda, Unlauterer Wettbewerb. Zn: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik.
Herausgegeben von Conrad und Elster in Verbindung mit Loening und Lcris. 3. Folge. U- Bd.
Jena, Gustav Fischer, l8YS. S. 79—83.
Das Reklamewesen ist in der Gegenwart eine legitime Macht geworden. Alle
größeren Fabriken und Handelsgeschäfte so gut wie die kleineren Unternehmungen wissen
die Bedeutung des Inserats zu schätzen, und sofern sich das Anpreisen der Waren
oder Leistungen in wohlanständigen Grenzen hält, wird niemand gegen dieses Hilfs
mittel zur Heranziehung von Käufern etwas einzuwenden haben. Leider aber braucht
man nur irgend eine Zeitung in die Land zu nehmen, um sich davon zu überzeugen,
zu welchen extravaganten Blüten die schwindelhafte Reklame es bringt. Es ist hier
nicht von der Korruption eines Teiles unserer Presse die Rede, die systematisch gegen
hohes Entgelt Beihilfe zu schwindelhafter Reklame im Geschäfts- und Erwerbsleben
treibt und gewissenlose oder mit grober Fahrlässigkeit geübte günstige, der Wahrheit nicht
entsprechende Beurteilung wirtschaftlicher Zustände, Fonds, Wertpapiere, Fabrikate usw.
abdruckt. Auch abgesehen davon wird in Anpreisung von Ausverkäufen, von Ver
käufen wegen Geschäftsaufgabe oder Llmbaus, von Verkäufen größerer Mengen, von
Resten, von Gelegenheitsverkäufen u. dgl. nr. viel geleistet. Wie unzweifelhaft trügerischen
Inhalts derartige Annoncen sein mögen, sie finden zahllose gutgläubige Leser und Käufer.
Da heißt es z. B.: „2000 Strohhüte müssen in zwei Tagen losgeschlagen
werden." Sieht man aber näher zu, so sind keine 300 Stück am Lager. Oder:
„Verhältnissehalber wird ein fast neues Pianino billig verkauft." Bei Nachfrage ergibt
sich, daß diese Instrumente von auswärtigen Fabriken gewissen Bürgern zum Verkauf
gegeben werden, die sie in ihre eigene Wohnung hinsehen, um den Schein zu erwecken,
als ob sie ihr Eigentum wegen Raummangels oder sonst billig abzugeben geneigt seien.
Oder: „Trauriges Familiendrama: Ein seit einem Jahre verheirateter Kaufmann verlor
plötzlich seine junge Frau. Er wurde darüber so erschüttert, daß er in Irrsinn verfiel
und in eine Anstalt gebracht werden mußte. Von seiten der Gläubiger wurde ich
nun ernannt, das neue elegante Warenlager zu jedem Preis in vier Tagen auszu
verkaufen."
Auf dem gleichen Niveau stehen die Anpreisungen von reinseidenen oder ganz
wollenen Stoffen, von echten Stearinkerzen usw. und die Anbringung von Preisen an
den Gegenständen, wobei neben der Hauptzahl 3, 5 oder 7, die „Mark" bedeutet, klein
daneben gedruckt ist 85, 75, 95 Pfg.
Auf die Quantitätsverschleierungen stößt man im Handel mit Schokolade,
Zucker, Bindfaden, Garn, Bier, Seife usw. Schokolade wird angeblich in Pfunden
verkauft, während die zwei oder vier Tafeln nur 400 oder 450 g wiegen. Seife wurde
in Halle nach Riegeln verkauft, die herkömmlich 2 Pfund Gewicht haben sollten. Da
kam eine Schleuderfirma auf den Gedanken, die Riegel zu 850 und zu 900 g zu
schneiden, konnte diese natürlich wohlfeiler verkaufen und machte ein glänzendes Geschäft.
Im Bierhandel überbieten sich die Ländler in der Anzahl der Flaschen, die sic für
einen Taler z. B. verabfolgen. Aber die Flaschen büßen immer mehr an Rauminhalt
ein und fassen schließlich kaum ein viertel Liter. Im Strickgarnhandel kannte man
ursprünglich die Einteilung des Kilogramms in 10 /io, jedes Zehntel ä 10 Gebinde und
jedes Gebinde zu 10 g gerechnet. Da kamen nun andere Einteilungen auf, z. B. 16 /is,
jedes Sechzehnte! aber wieder in 10 Gebinden, von denen nun das einzelne nur noch
6V1 g wog. Wer jetzt nach Gebinden kaufte, war arg übervorteilt.