198
Zweiter Teil. Lande!. IX. Märkte und Messen.
begehrten Wollen sehr erleichtert, und der Lande! vollzog sich in der Regel rasch.
Schwieriger dagegen war es, die Abholung der Wolle durch den vom Käufer damit
beauftragten Spediteur nach dessen Speicher zu erreichen, da sich in der Eile nicht so
viele Gespanne und Arbeiter beschaffen ließen, um jeden einzeln gekauften Posten
sofort abholen und zur Verwiegung bringen zu können. Diese mußte aber selbst
verständlich erfolgt sein, ehe die Abrechnung mit dem Verkäufer stattfinden konnte.
Dem Eichbornschen Magazine wurden hierbei öfter ein paar tausend Ballen Wolle
zur Abholung, Verwiegung und größtenteils auch zur baldigen Weiterbeförderung
überwiesen. Mit der vom Spediteur erhaltenen Gewichtsbescheinigung suchte dann
der Verkäufer den Käufer in dessen Logis auf und fand dort meistens schon eine
Anzahl anderer, gleichfalls auf Abrechnung Wartender vor, so daß es, ehe die letzten
die Zahlungsanweisung auf den Bankier des Käufers erhielten, zur Erhebung des
Geldes für diesen Tag sehr häufig schon zu spät war, obwohl die Zahlstunden bis
sieben Ahr abends ausgedehnt wurden. Der Bankier hatte bei den Zahlungsleistungen
besonders darauf zu achten, daß die Akkreditivsumme nicht überschritten und die Ein
lieferung der Wollen am richtigen Ort erfolgt war.
Mit der Einführung der Eisenbahnen hat das Markttreiben dann ein völlig
verändertes Gepräge erhalten. Denn die Anfuhr der Wollen von den Dominien
nach Breslau, die Tausende von Fuhrwerken in Bewegung gesetzt hatte, fiel ebenso
wie der Weiterversand an die Käufer nunmehr zum größten Teile diesen zu, und
viele der Produzenten, die früher ihre Ware stets persönlich nach dem Markt be
gleitet hatten, sandten sie jetzt auf Breslauer Läger zum Verkauf und zur Besorgung
alles weiteren.
Mit der wachsenden Einfuhr überseeischer Wollen, die durch den in großem
Maßstabe betriebenen Export hochfeiner schlesischer Böcke nach Australien und Amerika
allmählich auf das erfolgreichste veredelt worden waren und viel billiger als die schlesischen
einstanden, hat der Breslauer Markt schließlich mehr und mehr an Bedeutung verloren.
Es ließ demzufolge auch mit der geringeren Nachfrage die Sorgfalt der Züchter nach,
und so kommt es, daß der Besuch des Marktes von Ausländern, die ehedem in Breslau
alle die feinen Wollen fanden, deren sie bedurften, heutzutage fast ganz aufgehört hat
und die wegen Anrentabilität ohnehin schon sehr eingeschränfte Produktion immer weiter
im Rückgang begriffen ist.
So hat das 19. Jahrhundert, wie den Leinwand- und Tuchhandel, auch diesen
Zweig des schlesischen kommerziellen Lebens in seinem Verlaufe seiner einstigen großen
internationalen Bedeutung verlustig gehen sehen. Der Breslauer Landelsplatz hat
dadurch Schläge erlitten, von denen er sich vielleicht nie wiedererholen wird; denn selbst
die glänzende Entwickelung der schlesischen Montanindustrie hat die für den internationalen
Verkehr unstreitig sinkende Bedeutung Breslaus, das im Inlande von dem Äbergewicht
Berlins mehr und mehr erdrückt wird, nicht aufzuhalten vermocht.
5. Der Musterlagerverkehr der Leipziger Messen.
Von Paul Leonhard Leubner.
kjeubner, Der Musterlagerverkehr der Leipziger Messen. Tübingen, kj. Lauxp,
S. 1 und 5. 66 ff.
Der Großhandelsverkehr der Leipziger Messen vollzieht sich heute für die Erzeugnisse
der Keramik, der Glas-, Metall-, Kurz-, Galanterie-, Spielwaren und verwandten
Industrien in der Form des Musterlagerverkehrs. Diese Form des Verkehrs besteht