Metadata: Gesellschaftslehre

Der Idealtypus der Gruppe und ihr Eigenleben. 321 
Betrachtungen beziehen sich in erster Linie auf Gruppen mit stark ausgeprägtem 
Gruppencharakter, während gerade in unserer modernen Kultur der Gruppencharakter 
schwach ausgeprägt ist. Es lassen sich hinsichtlich der Stärke des Gruppencharakters 
also zwei verschiedene Typen unterscheiden, je nachdem die Gruppenangelegenheiten 
oder die persönlichen Angelegenheiten in erster Linie den ganzen Stil des Lebens und 
der Kultur bestimmen — ein Gegensag der Typen, den wir als Gentilizismus und 
Individualismus bezeichnen ($ 37). — Zum Schluß wird der Gruppe als einem mit 
dem Wesen der menschlichen Gesellschaft gegebenen und daher universal verbreiteten 
Gebilde die in der populären Literatur vielfach mit ihr vermengte Masse als eine 
auf einen bestimmten Kulturtypus beschränkte Tatsache gegenübergestellt, wobei auf 
die Vermengung der verschiedenen Bedeutungen des Wortes „Masse“ hingewiesen und 
an der Lehre von den besonderen Eigenschaften der Masse Kritik geübt wird ($ 38). 
27. Der Idealtypus der Gruppe. 
Inhalt: In idealtypisch reiner Ausprägung betrachtet steht die Gruppe den 
wechselnden Individuen als beharrendes und sie gestaltendes Wesen gegenüber. Sie 
wird von ihren Mitgliedern als ein besonderes Gebilde aufgefaßt, und zwar als ein 
in Individuen gegliedertes Ganzes. Die Mitglieder werden entsprechend von ein- 
ander als „Genossen‘“ (d. h. als Glieder des Ganzen) aufgefaßt, und ebenso faßt jedes 
Mitglied sich selbst als Glied des Ganzen auf. Diese Auffassungen sind nicht weiter 
ableitbar, sondern beruhen auf angeborenen Anlagen; und die ihnen entsprechenden 
Begriffe der Gruppe und der Genossen bedeuten demgemäß legte Begriffe, d. h. 
soziale Kategorien. — Der Einzelne hegt die Gesinnung der Liebe gegen die Gruppe 
und die Gesinnung der Acktung gegen die Genossen. Die Gruppe steht ihren Mit- 
zliedern als ein objektives (d. h. sie beeinflussendes) Wesen gegenüber und führt 
ein Eigenleben im Sinne einer Individualität. Sie gehört zu einer besonderen Klasse 
von Gebilden, den sozialen Objektivgebilden. 
Während das bisher Gesagte in der Anschauung des sozialen Lebens gegeben ist, 
zreift die Frage nach dem kausalen Zusammenhang zwischen Gruppe und Individuum 
darüber hinaus. Hier kann man dem extremen Individualismus und extremen Uni- 
versalismus eine Auffassung gegenüberstellen, nach der die Gruppe nicht mit der 
Summe der Individuen zusammenfällt, aber auch keine Substanz für sich ist, son- 
dern eine Einheit aktueller Natur bedeutet, die in den Individuen fundiert ist und 
in dem Zusammenspiel der Individuen beim sozialen Verkehr kraft schöpferischer 
Synthese ihr Leben führt. 
1. In der reinsten Form finden wir das Wesen der Gruppe aus- 
zeprägt in Gebilden wie dem Stamm, der Sippe, den Männerbünden und 
der Familie — also in Gebilden, die wir früher als Lebensgemeinschaften 
bezeichnet haben und die sich von anderen Vereinigungen von Gemein- 
schaftscharakter durch ihr tägliches enges Zusammenleben und den um- 
fassenden Charakter ihrer Gemeinschaftsangelegenheiten unterscheiden. 
Bei dem Beispiel der Familie darf natürlich nicht an den heutigen hoch- 
gradig individuellen Typus, sondern muß an den älteren Typus gedacht 
werden, in dem der objektive Charakter der Familie voll ausgeprägt ist. 
In dem legöteren Zuge liegt überhaupt die wesentlichste Eigenschaft der 
Vierkandt. Cesellschaftsliehre.
	        
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