4. Zcitungswcscn.
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4. Zeitungswefen.
Von Karl Bücher.
Bücher, Die Anfänge des Zeitungswesens. Zn: Die Entstehung der Volkswirtschaft.
». A»fl. Tübingen, 6. kaupp, Igo». 5. 252 — 255 und 5. 273 ff.
Die Zeitung bildet ein Glied in der Kette der modernen Verkehrsmittel, d. h.
der Einrichtungen, durch welche der Austausch geistiger und materieller Güter in der
Gesellschaft bewirtt wird. Aber sie ist kein Verkehrsmittel in dem Sinne wie die
Post oder die Eisenbahn, welche den Transport von Personen, Gütern und Nach
richten bewirken, sondern ein Verkehrsmittel wie der Brief und das Zirkular, welche
die Nachrichten erst transportfähig machen, indem sie dieselben mittels Schrift und
Druck sozusagen von ihrem Arheber loslösen und körperlich übertragbar machen.
So groß uns auch heute der Anterschied zwischen Brief, Zirkular und Zeitung
erscheinen mag, so zeigt doch ein wenig Nachdenken, daß alle drei wesentlich gleichartige
Produkte sind, entsprungen aus dem Bedürfnis der Nachrichtenmitteilung und aus
der Verwendung der Schrift zur Befriedigung dieses Bedürfnisses. Nur darin liegt
der Anterschied, daß der Brief sich an einzelne wendet, das Zirkular an mehrere
bestimmte Personen, die Zeitung an viele unbestimmte Personen. Oder mit anderen
Worten: Brief und Zirkular sind Mittel privater Nachrichtenmitteilung; die Zeitung
ist ein Mittel der Nachrichtenpublikation.
Die erste gedruckte Wochenzeitung, von welcher wir Kunde haben, ist ein
Straßburger Blatt, von dem sich der Jahrgang 1609 auf der Heidelberger Aniversitäts-
bibliothck befindet, während Neste späterer Jahrgänge auf der Züricher Bürger-
bibliothek sich erhalten haben.
Deutschland ist mithin das erste Land, welches in regelmäßigen kurzen Fristen
erscheinende gedruckte Zeitungen aufzuweisen hat. Die Ansprüche, welche früher von
den Engländern und den Niederländern auf die Ehre erhoben wurden, die ersten gedruckten
Wochenzeitungcn hervorgebracht zu haben, sind jetzt wohl aufgegeben. England kann
nichts dem ähnliches vor dem Jahre 1622 namhaft machen; das erste französische
Wochenblatt begann 1631 zu erscheinen.
Mit den Wochenzeitungcn war der Anstoß zur eigentlichen modernen Ent
wicklung des Zeitungswesens gegeben. Immerhin dauerte es noch ziemlich lange bis
zum Auftteten der ersten Tagesblätter. Dieses erfolgte in Deutschland 1660
(Leipziger Zeitung), in England 1702 (Daily Courant), in Frankreich 1777 (Journal
de Paris).
Politische Tagesfragen in den Zeitungen zu besprechen und sic als Mittel zur
Ausbreitung von Parteimeinungen zu benutzen, fing man zuerst in England während
des Langen Parlaments und der Revolution von 1649 an. Später folgten die Nieder
lande und ein Teil der deutschen Reichsstädte. In Frankreich vollzog sich der Am
schwung erst zur Zeit der großen Revolution, in den meisten anderen Staaten im
19. Jahrhundert. Die Zeitungen wurden aus bloßen Nachrichtenpublikationsanstalten
auch Träger und Leiter der öffentlichen Meinung und Kanipfmittel der Parteipolitik.
Dies hatte für die innere Organisation der Zeitungsunternehmung die Folge,
daß sich zwischen die Nachrichtensammlung und die Nachrichtenpublikation ein neues
Glied einschob: die Redaktion. Für den Zeitungsverleger aber hatte cs die Bedeutung,
daß er aus einem Verkäufer neuer Nachrichten zugleich zu einem Äändler mit öffent
licher Meinung wurde.