2. Die erste Handelskammer in Europa.
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Heiken zuzugestehen sei. Die Akten unseres Reichsamts des Innern, sowie diejenigen
der Handelsministerien aller deutschen Staaten können in der Tat lautredendes Zeugnis
dafür ablegen, in welcher anregenden und aufklärenden Weise schon die bestehenden
Handelskammern und Korporationen, trotz ihrer bisherigen mangelhaften Verfassung *),
zu Nutz und Frommen des staatlichen Gemeinwohls und zur Förderung zugleich der
Interessen der in ihnen Verbundenen beigetragen haben.
Vor Ihnen bedarf es darüber keiner weiteren Auseinandersetzung. Wer wie
Sic täglich am sausenden Webstuhl der Arbeit seinen Platz behauptet, der weiß, daß
der wirkliche Nerv, der unserem ganzen Gesellschafts- lind Staatskörper erst das Leben
ermöglicht, in den Erträgen der im weitesten Sinne des Wortes gewerblichen Tätigkeit
unseres Volkes zu suchen ist, und daß der Schornstein weder von der Liebe noch von
der abstrakten Weisheit unserer Dichter und Denker raucht, sondern daß das prosaische
Heizmaterial für die dem Menschendasein unentbehrliche Wärme durch harte Arbeit
gefördert und erworben werden muß.
So herrscht kein Zweifel mehr, daß der Staat unrecht haben würde, welcher die
mit einer fruchtbringenden Wirtschaft des Landes unerläßlich verbundenen Magenfragen
ohne Rücksicht auf die in den einzelnen Teilen seines Gebietes bestehenden mannig
faltigen tatsächlichen Verhältnisse lediglich nach doktrinären Theorien lösen oder gar
hinter anderen Fragen der sogenannten allgemeinen Staatspolitik zurückstellen wollte.
Der Ihnen soeben geschilderte, in den letzten 20 Jahren eingetretene Wandel
der Anschauungen ist aber nicht zunr geringsten dem Imstande zuzuschreiben, daß es
immer deutlicher wurde, daß die gewaltige Umgestaltung der nationalen und inter
nationalen Verkehrsmittel das heimische werbende Leben unserer Zeit in allen seinen
Verhältnissen täglich neuen Verschiebungen aussetzt, und daß die Ergebnisse unserer
nationalen Arbeit allüberall immer deutlicher durch die wirtschaftliche Entwickelung und
Gesetzgebung auch des Auslandes beeinflußt erscheinen. In solcher Lage lehrt die
harte Not' Bruch mit beschaulichem Quietismus, lehrt die harte Not, daß nur An
spannung der ganzen Kräfte der Interessenten des werbenden Lebens selbst, nur
Anspannung der ganzen Kräfte gleichzeitig auch der Regierung, die jene zu leiten und
zu fördern da ist, Schutz und Trutz in den Wirtschaftsstürmen der Zeit bieten kann.
Das fühlen und wissen wir alle, das fühlt und weiß auch unsere Regierung. Llnsere
Regierung weiß, daß es nicht anginge, wenn sie den Kampf init den Verhältnissen
ohne sachverständigen Beistand aus der Mitte der gewerblichen Praxis allein führen wollte.
2. Die erste Handelskammer in Europa.
Von Max Vosberg-Rekow.
vosbcrg-Rekom, Die wirtschaftliche Interessenvertretung und die Reform der preußischen
Handelskammern. Berlin. R. Gaertner, MZü. S. 5—9.
Das Stadthaus von Marseille, welches sich säulengeschmückt am Hafen erhebt,
erscheint als Gebäude nicht sehr bedeutend, obgleich es mit Statuen und Karyatiden
von Puget geschmückt ist. Das alte Rathaus jedoch, von dessen Stuben aus die
französische Handelskönigin den Grund zur heutigen Blüte gelegt hat, war noch
unscheinbarer und lag abseits versteckt in den alten Gassen. Im Jahre 1607 kamen
*) Über die gegenwärtige (Organisation der Handelskammern in Preußen f. den Aussatz
von Franz Lufcusky 5. 305 ff. — <5. 2Ti.