4. Das Verkehrswesen in Deutschland vor 70 Jahren. 411
zu einer kritischen Zeit eine solche an eine gewichtige Person an, so geriet leicht der
ganze Ort in Aufregung über die Frage, was das wohl bedeuten möge. Zwischen
nahegelegenen Orten wurde auch noch der Verkehr vielfach durch Botenfrauen ver
mittelt, welche mit einer Köze auf dem Rücken regelmäßig hin- und hergingen und
alle kleineren Sendungen besorgten.
Die Langwierigkeit und Kostspieligkeit des Postverkehrs übte natürlich ihren
Einfluß auch auf das Briefschreiben aus. Zn kaufmännischen Kreisen wurden wohl
schon damals Briefe reichlich gewechselt. Zm allgemeinen aber war der Briefverkehr
äußerst gering. Dafür kann folgendes als Zeugnis dienen. Saß man abends im
häuslichen Kreise um das brennende Talglicht, so bildete sich mitunter an dem Dochte
desselben eine rotglühende Schnuppe, einem roten Siegel vergleichbar. Dann prophezeite
man scherzweise demjenigen, welchem dieses Phänomen zugewandt war: „Du bekommst
einen Brief!" Das war damals noch ein Ereignis. Schrieb man selbst einen Brief,
so mußte man ihn an dem Postschalter in die Lände des Beamten liefern. Erst im
Jahre 1848 schuf die träge Taxissche Postverwaltung in den Straßen ausgehängte
Briefkasten, nachdem Fr. Oetker in seiner „Neuen hessischen Zeitung" sie aufs ärgste
dazu gedrängt hatte. Wollte der Absender den Brief frankieren, so mußte er das
Porto an dem Postschalter bar erlegen. Für die Taxierung des Briefes fanden sehr
verwickelte Berechnungen statt, da dasselbe nach der Meilenzahl in vielen Abstufungen
sich steigerte. Danach belief sich das Porto für die weiteste Entfernung des preußischen
Gebiets auf 19 Sgr. Ähnlich verhielt es sich in den übrigen Postgebieten. Auch
die Taxe für Pakete wurde nach der Entfernung in weithin sich steigernden Sähen
berechnet. Bereits im Jahre 1844 wurde jedoch das Briefporto für die weiteste
Entfernung auf 6 Sgr. herabgesetzt. Ein Brief von Kassel nach Berlin kostete 6,
nach Frankfurt a. M. 8 Sgr., wozu noch l U Sgr. Bestellgeld kam. Übrigens war es gar
nicht üblich, Briefe zu frankieren. Ein Strafporto wegen unterbliebener Frankatur
bestand nicht, And deshalb überließ man gern dem Empfänger die Zahlung des Portos,
da man dann sicherer zu sein glaubte, daß die Post den Brief wirklich besorge. Ein
Amschwung in diesen Verhältnissen trat erst durch den im Jahre 1850 abgeschlossenen
deutsch-österreichischen Postvertrag ein, in welchem das Porto für das ganze Post
vereinsgebiet auf 1, 2 und 3 Sgr. festgesetzt wurde. Zugleich wurde für die Nicht
frankatur ein Strafporto angeordnet, das Frankieren aber durch Einführung von
Postmarken erleichtert. Welchen weitern Aufschwung dann das Briefschreiben durch
die Lerabsetzung des Portos für ganz Deutschland und Österreich auf 1 Sgr., durch
die Einführung der Postkarten und endlich durch die Schaffung des Weltpostvereins
genommen, lebt in aller Bewußtsein. Die Postkarte hat unter anderm auch die
Wirkung gehabt, daß in ihr der Kurialstil der Briefe, auf welchen man früher großen
Wett legte, mehr und mehr zurücktritt. Wie sind wir Ältern in der Schule gequält
worden mit allen möglichen Titulaturen von Lochgeboren bis Wohledelgeboren, die
man einem jeden nach Stand und Würde angedeihen zu lassen habe! Leute kommt
man mit weit weniger ab.
Auch das Expedieren eines Briefes war dem Publikum früher noch nicht so
leicht gemacht als jetzt. Latte man auch in der Schule gelernt, wie aus einem Bogen
Papier ein Briefumschlag zu machen sei, so war dies doch eine mühselige Arbeit.
Nur Anstandsbriefc wurden deshalb mit einem solchen versehen. Im gewöhnlichen
Vettehr zog man vor, die viette Seite des beschttebenen Bogens frei zu lassen und
den Brief so zusammenzufalten, daß diese vierte Seite als Amschlag diente. Zum
Schließen des Bttefes bedurfte man dann noch Siegellack oder Oblate. Da sah
auf der Londoner Industrieausstellung im Jahre 1851 die erstaunte Welt eine kleine
Maschine, durch eine Landkurbel gettteben, rastlos arbeiten und mit unglaublicher
Schnelligkeit aus vorgerichteten Papierstücken vollendete Briefumschläge herstellen. Seit-