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kehrende und Klinjunkturschwankungen in Wirt
schaft und Verkeh r*).
Wie Eisenbahnverkehr und Wirtschaftsleben nicht nur etwa ursäch
lich, sondern unmittelbar und körperlich zusammenhängen, zeigt am
besten der K o h l e n v e rk e h r, der weitaus gewichtigste Teil des
Güterverkehrs. Ihm fei daher ein kurzer Blick geschenkt.
Der Kohlenverkehr strahlt, wenn man von den weniger wichtigen
kleineren Bezirken namentlich der Braunkohle absieht, in der Hauptfachs
von den beiden großen Kohlenbezirken der Ruhr und Oberschlesiens
aus. Die Ruhr überwiegt hierbei, versandte sie doch in den letzten Friedens
jahren auf der Eisenbahn allein über 90 Millionen Tonnen. Das macht
eine tägliche Wagengestellung von mehr als 30 000 Wagen aus.
Wie ist eine derartige Leistung bei einem Bestände von noch nicht
einer halben Million offenen Güterwagen in Deutschland (im Jahre
1913) möglich? Sie beruht auf einem einheitlichen System des Zu
laufs der Leerwagen und der Wagenverteilung, das hier nicht näher
geschildert werden kann, sowie auf dem System der Güterzugfahrpläne,
das den Lauf der Züge regelt. Der Betrieb der Kohlengruben nun
ist auf den ununterbrochenen Zulauf der Leerwagen und Ablauf der
Kohlenwagen derart eingestellt, daß die geförderte Kohle sofort in die
Eisenbahnwagen geschüttet und abgefahren wird. Auf eine Zwischen
lagerung des Gutes ist weder der Gruben- und Kokereibetrieb ein
gerichtet, noch ist auf den Zechen hierfür in der Regel ausreichender
Raum vorhanden. Ms es im Kriege infolge von Transportschwierig
keiten nötig wurde, 2 bis 3 Millionen Tonnen Kohle und Koks,, also
eine im Verhältnis zur Gesamtförderung geringe Menge, auf die Halden
zu stürzen, wurde das allgemein als Kalamität empfunden. Jede schwere
Stockung des Eisenbahnbetriebes stört also die Förderung. Umgekehrt
üben erhebliche plötzliche Schwankungen der Förderung auf den Eisen
bahnbetrieb empfindliche Stöße aus. Schnellt die Förderung stark her
auf, so fehlt es an Wagen, oder die Bahnhöfe und Strecken werden
überlastet, geht sie scharf zurück, etwa infolge Streiks, so stauen sich die
Leerwagen, ihr Zulauf muß gehemmt und abgelenkt werden. Verkehrs
stockungen sind in allen diesen Fällen die Folge.
Im kleineren Maße treten sie im Herbst häufig, fast regelmäßig auf,
m der Regel im Gefolge des Wagenmangels. In manchen Jahren, wie
z. B. im Jahre 1912, wurden diese Herbststockungen gefahr
drohend. Im Kriege endlich wurden sie fast zu Lebensfragen. Indessen
sei hier darauf nicht näher eingegangen.
Jeder Vergleich hinkt. Ungleich den Funktionen des menschlichen
Körpers läßt der Eisenbahnbetrieb bis zu einer ziemlich weiten Grenze
*) Offenberg, Konjunktur und Eisenbahn. Stuttgart. Ferdinand Enke.