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Zinssatz abhängig. Eine Trennung des Anleihekurses vom. lan
desüblichen Zinsfuß ist nicht möglich. Dieser stellte sich in
Deutschland aus den eben genannten Gründen erheblich höher
als in Frankreich und England. Der deutsche Bankdiskontsatz
war beispielsweise für den Durchschnitt der letzten 20 Jahre fast
uüi die Hälfte höher als der französische. Hieraus folgt, daß
die deutschen Anleihen höher verzinst, ihr Kurs also niedriger
6ein muß, als der der englischen oder französischen Renten,
um so mehr, als Deutschland am stärksten an diesem Kultur
aufschwung beteiligt war und zugleich seinen Anleihebedarf
am eigenen Markte zu decken hatte. x )
Hinzu kommt, daß die Einbürgerung und Unterbringung
der plötzlich stark vergrößerten Mengen von Staats- und Reichs
anleihen in Deutschland größeren Schwierigkeiten begegnete,
als etwa in Frankreich oder England, weil bis zu den achtziger
Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland nur ver
hältnismäßig geringe Beträge von Schuldverschreibungen deut
scher Staaten in Umlauf waren. Das deutsche Publikum hatte
sich daher vielfach an die Bevorzugung des Hypothekarkredits
gewöhnt. Als sich später für Reich und Bundesstaaten eine
starke Inanspruchnahme des Kredits als notwendig erwies,
konnten aber die alten gewohnheitsmäßigen Borger ihre Ka
pitalansprüche nicht plötzlich ermäßigen. 2 )
Die zahllosen, privaten Einzelbetriebe hielten außerdem
viele, ersparte Kapitalien für sich zurück, die in wirtschaftlich
stilleren Zeiten ganz oder zum Teil auf den Staatspapiermarkt
gelangt sein würden. Denn eine volle, wirtschaftliche Hoch
konjunktur macht sich schließlich in dem Betriebe des kleinsten!
Krämers bemerkbar. Die steigende Gewinnquote entfremdete
das Anlage suchende .Publikum zum .Teil dem Markte der niedrig,
aber festverzinslichen Werte und führte es den industriellen und
Dividendenpapieren zu. Diese Entwicklung wurde dadurch be
günstigt, daß gute Dividendenpolitik, große Rücklagen u. s, w.
es großen Betrieben und Banken vielfach ermöglichten, eine
solche Stetigkeit in ihre Dividendenverteilungen zu bringen
') Schwarz, a. a. O. S. 34.
2 ) Heyman, a. a. O. S. 49f., Kimmich, a. a. O. S. 271.