Full text: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

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tionskrisis, die durch den amerikanischen Bürgerkrieg hervorgerufen 
wurde. Die Nordstaaten der Union blockierten die Häfen der Süd 
staaten, von denen aus bis dahin Europa mit Baumwolle versorgt 
worden war, wie New-Orleans, Galveston, Mobile, Savannah, Charleston 
u. a. mit großer Energie; die Folge davon war eine Stockung der 
Ausfuhr von Baumwolle aus den Südstaaten, so daß der Baumwoll 
industrie Europas unermeßlicher Schaden erwuchs. Es war eine 
Krisis, wie sie keine andere Industrie je erlebt hat. Die Bestellungen 
für Spinner und Weber waren da, aber der Rohstoff fehlte, eine 
Baumwollhungersnot — „cotton famine“ — trat ein, die grenzenloses 
Elend über ganze Bevölkerungsklassen brachte. Am stärksten wurde 
England als der Hauptkonsument der Baumwolle betroffen, aber auch 
der Kontinent befand sich in einer mißlichen Lage. Die Maschinen, 
die zum großen Teil für die Verarbeitung amerikanischer Baumwolle 
eingerichtet waren, mußten durch andere ersetzt oder doch so um 
geändert werden, daß sie für indische und levantinische geeignet 
waren. Viele Spinnereien waren der Notlage nicht entfernt ge 
wachsen, die Maschinen mußten feiern, die Arbeiter mußten sehen, 
wie sie anderswo Brot bekamen. Die technischen Umgestaltungen 
und die enorme Preissteigerung der Baumwolle brachten aber auch 
größeren Spinnereien Verluste. Nur diejenigen kapitalstarken Eta 
blissements, die sich rechtzeitig mit großen Vorräten versehen hatten, 
machten dadurch, daß deren Wert um das Fünf- bis Siebenfache 
stieg, Millionen Gewinne 1 ). Die Webereien wurden erst in zweiter 
Linie betroffen, aber da für die Hand- und Hausweber die Kapital 
anforderung zu groß war, so kam die Krisis auch hier wesentlich 
der Entwicklung zum Großbetrieb zu Hilfe. So hat die Krisis, im 
ganzen genommen, der normalen Weiterentwicklung der deutschen 
Baumwollindustrie keinen Einhalt geboten, hauptsächlich deshalb, weil 
unser Hauptkonkurrent England so schwer von ihr getroffen wurde 
und dann, weil die deutsche Baumwolleinfuhr noch zu einem wesent 
lichen Teil aus Ostindien und anderen Produktionsgebieten stammte, 
so daß es nicht schwer fiel, diese schon bestehenden Handelsbezieh 
ungen weiter auszunutzen. Von 17 Mill. kg verarbeiteter Baumwolle 
im Jahre 1859 waren 10,7 Mill. aus Amerika eingeführt, im Jahre 
1867 wurden 31,4 Mill. kg Baumwolle in Deutschland verarbeitet, 
und davon waren 10,4 Mill. aus Amerika eingeführt, der ganze Rest 
aus Ostindien und anderen Ländern 1 2 ). 
1) Reichsenquete für die Baumwoll- und Leinenindustrie. Stenographische Protokolle 
über die mündliche Vernehmung der Sachverständigen, Berlin 1879, S. 76. 
2) Reichsenquete für die Baumwoll- und Leinenindustrie. Statistische Ermittlungen, 
Heft II, Berlin 1879, S. 29 und 2—29.
	        
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