Full text : Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

deutschen  Spinner  nicht  wie  die  englischen  jederzeit  Baumwolle  kaufen
können.  Da  die  Sitze  der  Baum  Wollindustrie  von  Bremen  und
Hamburg,  den  beiden  deutschen  Märkten  für  Baumwolle,  weit  entfernt ­
  sind,  sind  die  Spinner  genötigt,  Vorräte  zu  halten.  Sie  werden
aber  ihre  Einkäufe  vergrößern,  wenn  sie  glauben,  daß  sich  steigende
Tendenz  in  der  Preisbewegung  bemerkbar  macht.  Beim  Sinken  der
Preise  haben  sie  also  unter  Umständen  doppelten  Verlust,  einmal
durch  die  Wert  Verminderung  des  Rohstoffvorrates  und  zweitens  durch
den  schleppenden  Garnabsatz.  Betrachten  wir  die  beigegebene  graphische ­
  Darstellung  der  Baumwoll-  und  Garnpreise,  so  springt  dies
Verhältnis  sogleich  in  die  Augen.  Zugleich  ist  daraus  zu  ersehen,
wie  sich  der  Abstand  zwischen  Rohstoff-  und  Garnpreisen  merklich
verringert,  der  Wert  des  Rohstoffs,  der  im  Preise  des  Fabrikats  zum
Ausdruck  kommt,  macht  also  einen  immer  größeren  Prozentsatz  desselben ­
  aus.  Wir  können  das  auch  zahlenmäßig  belegen:  1870  betrugen ­
  die  Produktionskosten  von  1  kg  Garn  Nr.  28  des  französischen
(metrischen)  Systems  =  Nr.  33  englisch  am  Oberrhein  88  Centimes 1 )
=  70,4  Pfennig.  Für  das  Jahr  1902  berechnet  ein  Augsburger  Industrieller ­
  dieselben  für  Nr.  20  englisch  auf  32  Pfennig  und  für
Nr.  36  Zettelgarn  auf  53  Pfennig 1  2 ).  —  Der  Verkauf  der  Garne  geschieht ­
  meist  im  Großhandel  börsenmäßig;  dabei  geht  das  Bestreben
der  Garnproduzenten  natürlich  dahin,  sich  soweit  als  möglich  mit
Aufträgen  zu  versehen,  d.  h.  sie  werden  danach  trachten,  Kontrakte
auf  Lieferung  (sechs  oder  noch  mehr  Monate  Lieferungsfrist)  abzuschließen. ­
  Nun  ist  es  Sache  ihres  kaufmännischen  Geschicks  die
nötige  Rohbaumwolle  zu  den  günstigsten  Bedingungen  einzukaufen.
Da  der  einzelne  selten  über  soviel  Routine  verfügen  wird,  daß  er
aus  jeder  Meldung  des  Aglrikultur-Departments  in  Washington
zu  erkennen  vermag,  was  er  im  gegebenen  Augenblick  zu  tun  hat,
zu  kaufen  oder  nicht,  so  sind  die  deutschen  Spinner  in  ihrer  Gesamtheit
Mitglieder  der  Bremer  Baumwollbörse  geworden;  deren  vorzügliche
Organisation 3 )  und  deren  Nachrichtendienst,  der  neuerdings  durch  die
eigene  deutsche  Kabelverbindung  mit  Nordamerika  noch  eine  wesentliche ­
  Verbesserung  erfahren  hat,  machen  sie  ziemlich  unabhängig  von
Liverpool,  New-York  und  Orleans.  Aber  der  Spinner  ist  nun
einmal  darauf  angewiesen,  die  Ware  im  Wege  des  Zeithandels,  also
des  Lieferungs-  oder  Terminhandels,  zu  kaufen,  er  steht  deshalb  auch
dem  Terminhandel  an  sich  nicht  feindlich  gegenüber,  nur  protestiert
1)  R.  Jannasch,  a.  a.  O.  S.  304.
2)  Jahresbericht  der  Handels-  u.  Gewerbekammer  für  Schwaben  u.  Neuburg  1902,5.  173.
3)  S.  Anlage.
            
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