Ein weiterer Grund, um die Frage der Wahlrechtsreform
lebhaft in den Vordergrund zu rücken, war auch durch den
Ausfall unserer letzten Reichstagswahlen gegeben.
Derselbe ist in hohem Grade betrübend, denn Sachsen ist
dadurch im Reiche nur bis auf einen Abgeordneten durch
Sozialdemokraten vertreten. Industrie und Flandel finden in
unserm höchsten Volksparlament keine Vertretung.
Meine Flerren, es war kein Zufall, dass in Sachsen von
23 Wahlkreisen 22 den Sozialdemokraten zufielen. Das war
der Ausdruck der höchsten Unzufriedenheit, und zwar nicht
nur derjenigen, die durch die deutschen Verhältnisse, sondern
der Unzufriedenheit, die vor allen Dingen auch durch die
sächsischen Verhältnisse erzeugt worden war. (Sehr wahr.)
Demgegenüber gibt es nur einen Weg, der zum Erfolge
führt, wir müssen auch in Sachsen so regieren, dass Zufriedenheit
in alle Kreise hineingetragen wird. Und wenn die Regierung
einen solchen Weg beschreitet, so wird sie sicher Unterstützung
auch in unseren Kreisen finden.
Die Unzufriedenheit in Sachsen ist unbedingt auch durch
die Wahlrechtsverschlechterung des Landtagwahlrechts im Jahre
1896 vermehrt worden. Wer diese Wirkung leugnet, macht die
Augen zu und will die Dinge nicht sehen, wie sie wirklich
sind. Die Ungerechtigkeit jener Wahlrechtsverschlechterung
liegt darin, dass ein grosser Teil der Staatsbürger eine verfassungsmässige
Vertretung in der Zweiten Kammer des Landtages
nicht mehr findet.
Das jetzige Wahlgesetz mit der bekannten Wahlkreiseinteilung
macht es auch unmöglich, dass Industrie und Handel
für sich die rechte Vertretung durch die Wahlen herbeiführen
kann.
Lassen Sie mich noch Ihre Aufmerksamkeit auf ein paar
Punkte der Thronrede lenken, welche der König von Sachsen bei
Eröffnung des Landtages an seine Stände gerichtet hat. Sie sind
in mancher Beziehung charakteristisch für die Auffassung, welche
die Staatsregierung beherrscht.
Da finden Sie zunächst folgenden Satz: _
„Zu meiner lebhaften Befriedigung mehren sich jedoch die
Anzeichen dafür, dass wenigstens auf den Gebieten des Handels
und zahlreicher Industriezweige die schwersten Zeiten des Druckes
als überwunden gelten können.
Die Landwirtschaft liegt noch immer darnieder. Es wird
nach wie vor das ernsthafte Bestreben meiner Regierung sein,
'las Gedeihen auch dieses hochwichtigen Zweiges der vaterländischen
Volkswirtschaft zu fördern.“ .
Ich bemerke zunächst, dass aus diesem ersten. leile der
Ausführungen ein gutes Stück Optimismus herausspricht.