Kapitel III, Die Pessimisten.
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sogleich ziemliches Aufsehen erregte; man erfuhr bald, daß sein Verfasser
ein Landpfarrer sei. Ein Jahrhundert ist vergangen, und seine Wirkung
ist noch nicht schwächer geworden. Auf den ersten Blick könnte man
glauben, daß es nur entfernt mit der Nationalökonomie zu tun habe,
da sein Inhalt sich mit der Bewegung der Bevölkerung befaßt, mit dem,
was wir heute Demographie nennen. Aber erstens hat sich diese neue
Wissenschaft, deren Schöpfer Malthus ist, erst später vom Stamme
der Nationalökonomie abgezweigt. Dann aber werden wir finden, daß
der Einfluß seines Buches auf alle volkswirtschaftlichen Theorien, auf
die von der Erzeugung sowohl wie auf die von der Verteilung der Güter,
außerordentlich gewesen ist. Man kann es als eine Entgegnung auf das
Werk A. Smith’s über die Ursachen des Völkerreichtums ansprechen,
dessen Tittel, wie James Bonar geistreich bemerkt, mit einer kleinen
Änderung ebensogut auf das anonyme Buch Malthus’ gepaßt hätte:
„Untersuchungen über die Ursachen der Völkerarmut“.
Schon die Tatsache, daß er zur Erklärung der volkswirtschaftlichen
Erscheinungen einen neuen Faktor heranzog, der der Biologie entlehnt
war, und daß er einen neuen Trieb ins Treffen führte, der nicht das Selbst
interesse oder das Streben nach Profit war, nämlich den Geschlechtstrieb,
erweiterte den Horizont der Nationalökonomie ganz bedeutend und kün
digte das Kommen der Soziologie an. Bekanntlich hat DarNvin selbst
zugegeben, daß der Ursprung der berühmtesten wissenschaftlichen Lehre
des 19. Jahrhunderts, der des Kampfes ums Dasein als Auswahl des
Tüchtigsten und Triebfeder des Fortschrittes, ihren ersten Anstoß aus
dem Buche Malthus’ empfing.
Man darf nicht etwa glauben, daß die dem Menschengeschlechtc
aus einer unbegrenzten Vermehrung der Bevölkerung möglicherweise
erwachsenden Gefahren die Aufmerksamkeit keines Schriftstellers vor
Malthus erregt hätten. In Frankreich hatten sich schon Buffon und
Montesquieu damit beschäftigt. Im Allgemeinen sah man aber eine
zahlreiche Bevölkerung stets als vorteilhaft für ein Land an und^ glaubte,
daß die Bevölkerung auf natürliche Weise durch die Menge der Nahrungs
nüttel geregelt werde, und daher Übervölkerung nicht zu befürchten sei 1 ).
So drückt sich z. B. der Physiokrat Mirabeau in seinem Buche: „L’ami
des hommes“ aus, das als Untertitel die Bezeichnung: Traitö de la
Population (1755) trägt. Die Gläubigen der natürlichen Ordnung
konnten sich auch nicht durch eine so natürliche Erscheinung wie die
Vermehrung der Bevölkerung beunruhigt fühlen. Dieser Optimismus
nahm aber mit Godwin außerordentliche Proportionen an, dessen 1793
erschienenes Buch „Political Justice“ starken Eindruck machte.
Man hat Godwin den ersten doktrinären Anarchisten genannt. Er
') Siehe hierüber Stangeland, Pre-Malthusian Doctrines, New York, 1904.
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