158
sich langsam vollziehen, wie eine Reise durch die Wildnis. Die mensch
liche Organisation ist nicht allein in ihrer Physiologie, sondern auch in
ihren Gewohnheiten und Arten des Denkens, in ihrem Einbildungsver
mögen und ihren Bemühungen, fest ausgebildet und konservativ. Und
wenn wir es mit der Masse zu tun haben und nicht bloß mit dem Ein
zelnen, so wird der Widerstand, den das Individuum allein dem Wechsel
entgegensetzt, durch die Unbeweglichkeit dieser Masse ganz gewaltig er
höht. Der Einzelne, der zusammen mit seinesgleichen als eine Einheit
im Rahmen des sozialen Ganzen arbeitet, verliert seinen Freiheitssinn.
Sein Geist wird Massengeist; über die utopistische Großmütigkeit sei
ner eigenen Überzeugungen schüttelt er den Kopf, verweigert ihnen
die Gefolgschaft und entnimmt seinem „Milieu“ die „anwendbaren“
Ideen praktischer Betätigung. So versucht das reformierende Indivi
duum, das sich isoliert und in Bewegung hält, vergebens, die trägen
Massen kaum beweglicher Menschen in Fluß zu bringen h Während der
langen Zeiten historischer Umwandlung kommen im Gemeinwesen
Klassen auf Klassen, Interessen nach Interessen in rationeller Pro
gression zur Geltung. Sie dominieren die Gemeinschaft, entwickeln
eine politische und wirtschaftliche Ordnung, die ihren Willen aus
drückt, errichten ein politisches und ökonomisches Gehäuse, das auf
breiterer Grundlage ruht und sich dem Typus einer vollkommenen
sozialen Verfassung mehr nähert, als die Ordnung ihrer Vorgänger, die
die Gewalt ausübten. Schließlich geben auch sie wieder Klassen und
Interessen Raum, die auf einer höheren Warte stehen als sie selbst.
Aber in all dieser Zeit hat der Staat, der den bestehenden Gewalten
und den herrschenden Interessen zweifellos gehorcht, gehandelt und
nicht etwa bloß wie ein Eunuche, dessen Amt die Zivilisation abschaf
fen muß, sondern wie ein Organ, das eine Funktion erfüllt, die in einer
organisierten Gemeinschaft stets von irgendeiner Instanz ausgeübt
werden muß, ganz gleich, wer die Staatsgewalt innehat. Wie der
Körper, so verändert sich der Staat mit dem Werkzeuge, dem Willen,
der Idee. Durch seine Taten hat der Staat z. B. den Niedergang ihn
beherrschender Interessen als auch ihre Stärke, die Bildung einer neuen
Synthesis von Interessen sowohl wie die Herrschaft der alten gezeigt.
Dies bezeugt das Hineinwachsen des mittelalterlichen Staates in den
1 Die Massen bewegen sich rasch und manchmal turbulent, aber die Gesetze
ihrer Bewegung und ihrer inneren flutartigen Impulse gehen mich hier nicht
weiter an.