Full text: Sozialismus und Regierung

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sich langsam vollziehen, wie eine Reise durch die Wildnis. Die mensch 
liche Organisation ist nicht allein in ihrer Physiologie, sondern auch in 
ihren Gewohnheiten und Arten des Denkens, in ihrem Einbildungsver 
mögen und ihren Bemühungen, fest ausgebildet und konservativ. Und 
wenn wir es mit der Masse zu tun haben und nicht bloß mit dem Ein 
zelnen, so wird der Widerstand, den das Individuum allein dem Wechsel 
entgegensetzt, durch die Unbeweglichkeit dieser Masse ganz gewaltig er 
höht. Der Einzelne, der zusammen mit seinesgleichen als eine Einheit 
im Rahmen des sozialen Ganzen arbeitet, verliert seinen Freiheitssinn. 
Sein Geist wird Massengeist; über die utopistische Großmütigkeit sei 
ner eigenen Überzeugungen schüttelt er den Kopf, verweigert ihnen 
die Gefolgschaft und entnimmt seinem „Milieu“ die „anwendbaren“ 
Ideen praktischer Betätigung. So versucht das reformierende Indivi 
duum, das sich isoliert und in Bewegung hält, vergebens, die trägen 
Massen kaum beweglicher Menschen in Fluß zu bringen h Während der 
langen Zeiten historischer Umwandlung kommen im Gemeinwesen 
Klassen auf Klassen, Interessen nach Interessen in rationeller Pro 
gression zur Geltung. Sie dominieren die Gemeinschaft, entwickeln 
eine politische und wirtschaftliche Ordnung, die ihren Willen aus 
drückt, errichten ein politisches und ökonomisches Gehäuse, das auf 
breiterer Grundlage ruht und sich dem Typus einer vollkommenen 
sozialen Verfassung mehr nähert, als die Ordnung ihrer Vorgänger, die 
die Gewalt ausübten. Schließlich geben auch sie wieder Klassen und 
Interessen Raum, die auf einer höheren Warte stehen als sie selbst. 
Aber in all dieser Zeit hat der Staat, der den bestehenden Gewalten 
und den herrschenden Interessen zweifellos gehorcht, gehandelt und 
nicht etwa bloß wie ein Eunuche, dessen Amt die Zivilisation abschaf 
fen muß, sondern wie ein Organ, das eine Funktion erfüllt, die in einer 
organisierten Gemeinschaft stets von irgendeiner Instanz ausgeübt 
werden muß, ganz gleich, wer die Staatsgewalt innehat. Wie der 
Körper, so verändert sich der Staat mit dem Werkzeuge, dem Willen, 
der Idee. Durch seine Taten hat der Staat z. B. den Niedergang ihn 
beherrschender Interessen als auch ihre Stärke, die Bildung einer neuen 
Synthesis von Interessen sowohl wie die Herrschaft der alten gezeigt. 
Dies bezeugt das Hineinwachsen des mittelalterlichen Staates in den 
1 Die Massen bewegen sich rasch und manchmal turbulent, aber die Gesetze 
ihrer Bewegung und ihrer inneren flutartigen Impulse gehen mich hier nicht 
weiter an.
	        
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