fullscreen: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

Für die Berufsämter und sehr viele Firmen der Industrie 
ist das Schulzeugnis, der Berechtigungs- 
schein, heute nur noch einer unter den vielen 
Faktoren, die zur Einordnung des Prüflings in die berufs- 
politische Wertordnung beitragen. So ist denn auch die 
gewerkschaftliche Stellungnahme zum Berechtigunzswesen 
nicht ganz einheitlich. Die Forderung der Gewerkschaften 
auf Ausbau des Berufsschulwesens durch Berufsober- und 
hochschulen mit dem Anschluß ‚an die Gewerbelehrer- 
Bildungsanstalten und Fachhochschulen hat ja eine positive 
Bewertung des Berechtigungswesens zur Sstillschweigen- 
den Voraussetzung. In breiter Front soll nun die Masse 
der Werktätigen durch. diesen neuen Bildungszug der 
Berufsschule die Möglichkeit haben, ohne besondere per- 
sönliche Opfer die Berufskenntnisse durch den Besuch 
dieser Schulen so zu steigern, daß die Berechtigung zum 
Gewerbeoberlehrer, Diplom-Ingenieur, Diplom-Kaufmann 
usw. der letzte Abschluß dieser Laufbahn ist, soweit er 
sich nicht nach berühmtem Vorbild im Politischen fortsetzt. 
Ist ein solches System tragbar? Auch wenn wir die 
ominöse und etwas unmoderne Frage nach den Kosten 
dieser Schulprojekte ausschalten, müssen wir zu einem 
Nein! kommen, Was ist denn der Sinn, der den Bildungs- 
anstalten einer Nation zugrunde liegt? Soll irgendein 
absolutes, äußeres Bildungsideal verwirklicht werden? Die 
reiche Gliederung unseres Bildungswesens spricht gegen 
diese Ansicht. Zwar ringt jede Zeit um den Typus ihres 
geistigen Idealmenschen, und dieser liegt dann mehr oder 
weniger, wie die Schulartikel unserer Verfassung zeigen, 
jeder öffentlichen rädagogischen Tätigkeit zugrunde, 
Aber dieses Idealbild bezieht sich doch immer nur 
auf die inneren Persönlichkeitswerte 
und nicht auf die Technik des praktischen Könnens und 
die Art und Menge des intellektuellen Besitzes und Ver«- 
mögens. Hier muß sich die Bildungsarbeit der Nation eine 
Differenzierung nach rein äußerlichen Merkmalen gefallen 
lassen, und zwar eine Differenzierung, die einfach von der 
Art und Zahl der in Wirtschaft, Staat und Kulturleben zur 
Verfügung stehenden Berufe und Stellungen abhängt. Denn 
wer die Berufsoberschule besucht, will nicht nur 
die höhere Berechtigung, sondern auch die bes- 
sere Position. Die Schaffung von Ministerien ohne 
Portefeuille ist aber in der Wirtschaft unmöglich. Hier 
liegt daher des Pudels Kern. 
Unser Bildungswesen darf und kann nicht nach poli- 
tischen Forderungen oder absoluten Idealen aufgebaut wer- 
den, sondern hat sich in Aufbau und Arbeit an die rein 
äußerliche Norm zu halten, die durch die Gliederung des 
gesamten nationalen Berufswesens diktiert wird. ;Was 
nützen einem Betriebe hundert Arbeiter mit dem Meister- 
zeugnis in der Tasche, wenn er keine Meisterstellen für 
sie hat. Ihre höhere berufliche Bildung schlägt um in 
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