Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

IX

einen  Einblick  in  die  Struktur  des  in  Betracht  kommenden  Werdens
und  Gewordenseins  selbst.  Und  wenn  man  sich  einmal  darum  bemüht
hat,  die  Entwicklung  mehrerer  Gewerbe  in  solchen  kurzen  Formeln  zur
Darstellung  zu  bringen,  dann  ergibt  sich  der  Wert  solcher  Dispositionen
zur  Forschung  erst  in  seiner  wahren  praktischen  Bedeutung;  denn  dann
stellt  sich  heraus,  daß  jedes  Gewerbe  für  sich  eine  typische  Entwicklung,
einen  eigenen  ökonomischen  Charakter  besitzt,  daß  man  die  große  Menge
der  verschiedenen  Gewerbe  nicht,  wie  das  einer  häufig  geübten  Routine
entspricht,  nach  dem  gleichen  Modus  betrachten  und  behandeln  darf,
sondern  daß  jedes  Gewerbe  auf  Grund  der  seinem  ökonomischen  und
technischen  Wesen  immanenten  Eigenschaften  auch  eine  eigene  ökonomische
Individualität  besitzt.  Andererseits  aber  ergibt  sich  aus  einer  solchen
vergleichenden  Betrachtung  der  Gewerbe  die  Zusammengehörigkeit  gewisser ­
  Gewerbe  zu  größeren  ökonomischen  Familien,  es  ergibt  sich  also
der  Grundplan  zu  einer  speziellen  Gewerbepolitik.
Freilich,  die  Entwicklung  der  menschlichen  Wirtschaft  in  ihren  großen
Zügen  ist  in  einer  ungeheuren  Litteratur  untersucht  und  dargestellt,
wobei  trotzdem  eine  ganze  Reihe  prinzipieller  Fragen,  welche  häufig  am
Anfange  einer  Entwicklung  oder  am  Übergange  eines  wirtschaftlichen
Zustandes  in  einen  anderen  liegen,  zwar  nicht  die  Bearbeitung,  aber
der  einheitlichen  Lösung  harren.  Immerhin  ist  die  Wirtschaftsgeschichte
nach  allgemeiner  Anschauung  über  den  ersten  Zustand  hinaus  und  in
das  Stadium  der  Einzeluntersuchungen  eingetreten.  Auch  die  Darstellung ­
  der  Gewerbe  bewegt  sich  bereits  in  diesem  Fahrwasser,  Sinzheimer
  hat  eine  große  Zahl  spezieller,  hierauf  zugeschnittener  Monographieen
  vorgelegt,  das  übrige  noch  nicht  bearbeitete  Gebiet  hat  er  für
sich  einstweilen  in  Beschlag  genommen,  und  so  mag  eine  solche  Spezialuntersuchung ­
  zunächst  als  im  großen  Strome  der  Zeitanschauung  erscheinen. ­

In  einer  ganzen  Reihe  wesentlicher  Punkte  aber  ergeben  sich  beträchtliche ­
  Unterschiede  —  auch  in  der  von  Sinzheimer  herausgegebenen
Sammlung  ist  die  Lederindustrie  bearbeitet,  und  ein  auch  noch  so  oberflächlicher ­
  Vergleich  zwischen  jener  „Monographie"  und  der  vorliegenden
„Studie"  zeigt  diese  großen  Unterschiede  einerseits,  und  er  zeigt  anderseits ­
  wie  ungeheuer  viel  selbst  auf  den  schon  bearbeiteten  Gebieten  noch
zu  tun  ist,  so  daß  es  überflüssig  erscheinen  muß,  sogar  noch  nicht  beschriebene ­
  Gewerbe  von  weitem  her  zu  reservieren  —  zwischen  ähnlichen
Arbeiten  und  der  vorliegenden  Untersuchung.  Diese  sucht  vor  allen
Dingen  die  Gerberei  als  ein  allgemeines  Phänomen  der  menschlichen
Wirtschaft  aufzufassen  und  hier  in  vertiefter  historischer  und  ökonomischer
Betrachtung  ein  neues  Verständnis  für  das  Gewerbe  anzubahnen  und
zu  vermitteln.  Denn  das  Gewerbe,  welches  schon  seit  seinem  ersten
            
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