Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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Markt  erobert  und,  von  Frankreich  ausgehend,  hatte  man,  ebenfalls  zur
Ersparung  von  Transportkosten,  hoch  konzentrierte  Gerbstoffextrakte  in
den  Handel  zu  bringen  versucht.  Neben  allen  anderen  bekannten  Gerbstoffen ­
  waren  hauptsächlich  Eichenholz  und  Quebrachoholz  die  Ansgangsmaterialien ­
  zur  Herstellung  dieser  Extrakte.  Es  war  ein  äußerst
interessantes  und  erst  nach  Jahrzehnte  langer,  angestrengter,  schwieriger
Arbeit  gelöstes  Problem,  diese  Extrakte  in  einwandfreier  Form  für  den
Gerber  in  den  Handel  zu  bringen,  weil  nämlich  die  in  den  Extrakteuren
sich  massenhaft  lösenden  Phlobaphene  den  Wert  der  Extrakte  beeinträchtigten ­
  i).  Erst  1895  gelang  es  der  Firma  Lepetit  Dollfus  und
Gansser  in  Mailand  und  Garessio  (D.  R.  P.  91603  und  Zusätze)
einen  leicht  löslichen  Extrakt  zu  erzeugen,  welcher  nicht  nur  einen  der
bedeutendsten  Fortschritte  in  der  Technik  der  Gerbstoffextrakte  bildet,
sondern  diese  Lösung  des  Problems  ist  besonders  auch  deshalb  als  sehr
gelungen  zu  bezeichnen,  weil  sich  dadurch  die  Extraktfabrikation  sehr
bequem  an  die  Holzstoffgewinnung  angliedern  läßt.
Wir  sehen  also,  wie  die  Lösung  des  Eichenrindeproblems  dazu  geführt ­
  hat,  zunächst  die  einheimische  Flora  nach  weiteren  Gerbstoffen  zu
durchsuchen,  wobei  man  auf  die  Verwendbarkeit  der  Eichenholzspäne
aufmerksam  wurde;  sie  hat  weiter  geführt  aus  die  ausländischen  Gerbstoffe, ­
  welche  langsam  Boden  gewonnen  haben,  bis  der  Schutzzoll  von
1879  das  Quebrachoholz,  in  der  Folge  Extrakte  aus  diesem  und  aus
Eichenholz  massenhaft!  in  die  Industrie  einführte;  aber  als  der  Quebrachozoll
  von  1902  diese  Entwicklung  hemmen  sollte,  da  hatte  sich
bereits  der  drittes  vor  einem  Jahrhundert  begonnene  Lösungsversuch
des  Problems  durch  künstliche  Gerbstoffe  so  weit  entwickelt,  daß  aus
der  Oberlederindustrie  die  vegetabilischen  Gerbstoffe  dem  Chrom  vollständig ­
  gewichen  waren.
Welche  Bedeutung  hat  nun  diese  ganze  Entwicklung  auf  das  Handwerk ­
  und  die  Industrie  der  Weißgerberei.  Auf  den  ursprünglichen
Zusammenhang  zwischen  vegetabilischen  Gerbestoffen  und  Alaun  werden
wir  wenigstens  noch  andeutungsweise  zu  sprechen  kommen.  Durch  das
Mittelalter  hindurch  war,  wie  wir  noch  sehen  werden,  die  Trennung
zwischen  Rot  und  Weiß  sehr  oft  nur  eine  theoretische,  und  wir  können
in  dieser  Zeit  von  einem  Kampfe  der  Gerbematerialien  untereinander
nicht  reden.  Ein  solcher  beginnt  erst  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts,
wo,  wie  wir  gesehen  haben,  der  Alaun  zum  erstenmal  als  Ersatz  der
mangelnden  Lohe  vorgeschlagen  wird.  In  der  Folge  hat  sich  dann
dieser  Kampf  freilich  anders  und  unerwartet  entschieden,  allerdings  in
der  Richtung  der  mineralischen  Gerbstoffe,  aber  nicht  in  der  des  Alauns.

')  Vgl.  Dämmer  1910,  Bd.  I,  S.  685  ff.  und  1911,  Bd.  III,  S.  924  ff.
            
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