Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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Man  hat  beim  Anschauen  des  Schemas  wohl  ohne  weiteres  das  Gefühl,
daß  das  deutsche  oder  das  mittelalterlich-europäische  Handwerk  eine
solche  Gerbung  nicht  erfunden  haben  kann,  die  ganze  Behandlung  ist
so  eigenartig,  entfernt  sich  in  allen  Punkten  so  weit  vom  technischen
Jdeenkreise  germanischer  Handwerker,  paßt  so  wenig  zu  deren  ganzem
Handwerkszeug,  so  wenig  auch  zur  feinen  Kultur  des  Südens  und  des
Orients,  welche  der  mittelalterliche  Verkehr  uns  vermittelt  hat,  daß  wir
unwillkürlich  hilfesuchend  in  den  Methoden  der  Steppen  und  der  weiten
Territorien  des  Ostens  Umschau  halten,  ob  dort  nicht  ein  Anhaltspunkt
zu  finden  sei.  Schon  der  Name  verweist  uns  ja  dorthin,  allein,  das
will  verhältnismäßig  wenig  besagen,  da  derartige  Beinamen  auch  bloße
merkantile  Begriffe  sein  können,  oder  Durchgangspforten,  durch  welche
die  Wanderung  einer  Methode  ihren  Weg  genommen  hat.  Beim
Durchsuchen  der  primitiven  Gerbemethoden  nach  Anklängen  erinnern
wir  uns  des  Chagrins,  einer  Lederart,  welche  freilich  einen  echten
Gerbeprozeß  nicht  durchgemacht  hat,  welche  aber  unter  Umständen  mit
Alaunlösung  getränkt  und  mit  heißem  Hammelfett  geschmiert  wird  *).
Wir  haben  diese  Gerbung  als  eine  äußere  Kontaktmethode  kennen  gelernt,
entstanden  durch  Kombination  an  einer  Berührungsstelle  der  Verbreitungsgebiete ­
  der  Alaungerberei  einerseits,  und  der  sich  des  Feuers  zur  Gerbung
häufig  bedienenden  Steppenmethoden  andererseits.  Die  Kombination  Alaun
und  heißer  Talg,  welcher  über  offenem  Kohlenseuer  in  die  Haut  eingebrannt
wird,  zeigt  uns,  welche  ungewöhnlichen  Umstände  zusammenkommen
mußten,  um  solche,  für  das  übrige  Denken  der  damaligen  Zeit  so  extremen
Elemente  am  gleichen  Werkstück  zu  vereinigen.
Ein  Leder  von  so  ungewöhnlich  festen  Eigenschaften,  wie  es  das
ungarische  Leder  sogar  heute  noch  darstellt,  mußte  die  Aufmerksamkeit
der  Kenner  frühzeitig  erregen,  und  so  kommt  es,  daß  ungarisches  Leder
schon  früh  in  den  Welthandel  eintrat.  Eine  Ordnung  des  Kaufhauses
zu  Konstanz  bald  nach  1391  kennt  bereits  ein  „Behemsch  yrch" 2 ),
also  wahrscheinlich  ein  Bockleder,  welches  über  Böhmen  in  den  christlicheuropäischen
  Welthandel  eingetreten  ist.  Daneben  kamen  schon  um  1850
ungarische  Pferdezügel  und  ungarische  Riemen  die  Donau  herauf 2 ),
ein  Beweis,  in  wie  früher  Zeit  dieses  Leder  schon  einen  Weltruf  besessen  hat.
Stellen  wir  uns  kurz  die  näheren  weltgeschichtlichen  Momente  vor
Augen,  deren  Ausfluß  unsere  speziellen  ökonomisch-technischen  Betrachtungen ­
  sind,  so  sehen  wir,  daß  die  Magyaren  oder  Ungarn  einer  viel
östlicheren  Heimat  entstammen;  etwa  im  2.  Jahrhundert  aus  den  Gebieten
zwischen  der  Wolga  und  dem  Uralgebirge  ausgewandert,  wurde  Ungarn
erst  um  das  Jahr  1000  unter  Stephan  dem  Heiligen  Königreich,  und
y  Poppe  1837,  S.  340.  -)  Schulte  1900,  Bd.  II,  S.  228,  718.
s )  Rehlen  1855,  S.  136.
            
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