195
von hier an datiert ein bedeutender politischer und wirtschaftlicher
Aufschwung, welcher im 14. Jahrhundert den Höhepunkt der Macht
Ungarns zur Folge hatte; wir sehen daraus, welche bedeutenden
Politischen Verhältnisse dahinter stehen, wenn die Handwerkserzeugnisse
eines Landes Weltruf erlangen, und wir verstehen andererseits, warum
wir nicht früher als aus dem 14. Jahrhundert Kunde von ungarischem
Lederzeug erhalten. Schon zur Zeit der Landnahme waren unter den
Vorfahren des ungarischen Volkes Gerber, welche sich insbesondere mit der
Herstellung jener zur Kriegskleidung benötigten Lederwaren beschäftigten r ).
Unter den Königen aus dem Arpadenhause gingen ungarische Lederwaren
ins Ausland, die Epoche der Anjous gab diesem Gewerbe einen noch
größeren Aufschwung, und Ludwig der Große regelte 1376 unter anderem
auch die Zunftordnungen der Gerber, Schuhmacher, Sattler, Handschuh
macher. Das älteste Dokument dieser Art ist der von Ludwig dem Großen
ausgestellte Zunstbrief der Segeswarer Gerberzunft von 1376.
Wir sehen also in Ungarn im Anfang des 14. Jahrhunderts eine
Gerberei in technisch und wirtschaftlich festen Formen entstanden, und wir
müssen uns wundern, daß nicht damals schon neben der Ware auch die
Methode bei uns Eingang gefunden hat, in einer Phase des deutschen
Handwerks, wo dieses noch keineswegs so fest konsolidiert gewesen ist,
daß die Einführung von Neuerungen auf unüberwindlichen Widerstand
gestoßen wäre. Der Schauplatz der Künste und Handwerke erzählt uns,
daß die Kunst, das Leder ans ungarische Art zu bereiten, um die Mitte
des 16. Jahrhunderts durch einen gewissen Buscher, eines Lohgerbers
Sohn zu Paris, von Senegal in Afrika zu uns gekommen sei, und 1584
hätten zwei deutsche oder lothringische Gerber mit Namen Lasmagne
und Anoand diese Methode aus Ungarn nach Neufchateau in Lothringen,
dann nach St. Dizier in Champagne und endlich nach Paris gebracht 2 ),
Ehrend nach Keeß die ersten Weißgerber in Deutschland aus Ungarn
eingezogen sind s ). Selbst wenn wir an den französischen Namen der
beiden Deutschen keinen Anstoß nehmen, und wenn wir das französische
Nationalgesühl des Schreibers als gerechtfertigt anerkennen müssen,
wundern wir uns über die merkwürdige Alternative, welche uns hier
zugemutet wird. Wie wenig glaubhaft obige historische Notiz aus dem
Schauplatz der Künste und Handwerke aber für uns ist, geht daraus
hervor, daß im gleichen Satze die schon unten widerlegte Tatsache er
wähnt wird, als seien erst im 16. Jahrhundert die Schabeisen eingeführt
worden. Glaubhafter erschiene vielleicht die Angabe Hermbstädts 4 ), daß
Heinrich IV. diese Methode durch einen Gerber in Ungarn habe erlernen
lassen, und daß auf diese Weise in Frankreich die erste derartige
9 Vgl. Mag. Böripar 1307, Nr. 9, S. 5. -) Schauplatz 1767, Bd. VI, S. S6.
s ) Keeß 1820, S. 22. 4 ) Hermbstädt 1807, Bd. II, S. 198.
13*