Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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Eine  Teilung  der  Handwerke  tritt  auch  in  der  Folge  nicht  mehr
ein,  und  wir  hören  nirgends,  daß  Kompetenzkonflikte  über  ungarisch
Leder  entstehen.  1564  „schmieren"  die  Nürnberger  Lederer  die  „heut
Vf  vngarisch"  für  Riemer  und  Sattler,  1616  bereiten  die  Lederer  auf
dem  Lande  das  Leder  auf  ungarisch  *),  und  auch  im  18.  Jahrhundert
wird  diese  Methode  noch  von  den  Lederern  ausgeübt  ff.  Wenn  auch
das  ungarische  Leder  ein  so  bedeutender  Handelsartikel  geworden  ist,
daß  z.  B.  das  Pariser  ungarische  Leder  in  die  Schweiz,  nach  Flandern
und  in  andere  Länder  ging s ),  so  scheint  seine  Bedeutung  bei  uns  doch
niemals  so  groß  gewesen  zu  sein,  daß  es  ein  eigenes  Handwerk  ernährt
hätte.  In  der  Eigenschaft  des  Leders  lag  das  sicherlich  nicht  begründet;
so  berichtet  Halle  1762,  daß  das  Alaunleder,  das  ist  eben  das  ungarische
Leder 4 ),  zu  Acker-  und  Wagengeschirren,  besonders  für  die  Artillerie  Verwendung ­
  findet;  das  sind  also  Abnehmer,  welche  in  jenen  kriegerisch
bewegten,  außerdem  nur  auf  Wagen-  und  Karossenverkehr  angewiesenen
Zeitläuften,  ein  Handwerk  gut  ernähren  konnten.  Der  Grund  mag  ein
anderer  gewesen  sein;  wie  schon  gesagt,  hat  die  ganze  Methode  nach
ihrer  wirtschaftlichen  und  technischen  Seite,  nach  den  zugrunde  liegenden
technischen  Ideen,  nach  den  Erfordernissen  an  Handwerkszeug,  nach  den
erforderlichen  Handgriffen,  nach  der  Art  der  Zubereitung  niemals  in
das  ökonomische  Gefüge  des  deutschen  Handwerks,  in  den  Geist,  der
den  deutschen  Handwerker  beseelte,  gepaßt.  So,  wie  die  Methode  nur
an  einer  Kontaktstelle  entstehen  konnte,  weil  dort  allein  die  Vorbedingungen
zur  Ausführung  beider  Teile  dieser  eigenartigen  Kombination  gegeben
sind,  so  hat  auch  der  deutsche  Handwerker  nicht  geruht,  bis  er  dieses
ihm  fremde  Verfahren  seinem  Wirtschastskreise  adaptiert  hatte:  Wir
hören  in  Deutschland  von  einem  „roten  Leder",  welches  mit  Fischtran
geschmiert  und  dann  mit  heißem  Alaunwasser  bestrichen  wird  ff,  am
Ende  des  18.  Jahrhunderts  gibt  es  braunes  Alauuleder,  welches  auch
ungarisch  genannt  wird  ff;  es  ist  im  besten  Falle  eine  Kombination
von  Alaun  und  vegetabilischer  Gerbung.  Es  schleicht  sich  das  Äschern
em,  die  Häute  werden,  wie  auch  in  den  anderen  Verfahren  üblich,  enthaart, ­
  nicht  mehr  geschoren;  die  Epidermis  wird  abgekratzt,  so  daß
Seguin  als  eine  von  ihm  erfundene  Verbesserung  das  Enthaaren  durch
Scheren  und  das  nicht  Nicht-Abstoßen  der  Epidermis  bezeichnen  kann;
kie  Häute  werden  geschwellt,  und  das  Einbrennen  des  Talges  in
die  Haut  unterbleibt  oder  wird  ungenügend  besorgt.  So  klagt  Pfeiffer
1780  ff,  daß  diese  Lederart  in  Deutschland  wenig,  und  die  Verfahrungsart
0  Vgl.  Halle  1772,  Bd.  V,  S.  105.  -)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  88.
“)  Busch  1791,  S.  196.  *)  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  381.
°)  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  368.  °)  Juug  1794,  S.  609.
0  Pfeiffer  1780,  Bd.  I,  S.  229.  »)  Beckmann  1796,  S.  296.
            
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