Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

239

verweigert  hatte,  weil  er  nicht  genug  Wander-  und  Gesellenjahre  hinter
sich  hat,  weil  er  die  Militärzeit  einrechnet,  und  weil  er  sich  auch  mit
Leimsieden  befassen  will.  Er  führt  zu  seiner  Rechtfertigung  an,  daß
auch  sein  Meister  in  Straßburg  Gerber  und  Leimsieder  gewesen  sei  und
sagt  unter  anderem:  „Es  gibt  junge  Leute,  welche  in  ihrer  Lehrzeit
allschon  an  Geschicklichkeit  ihren  Lehrmeister  übertreffen,  hingegen  auch
öfters  alte  Knaben,  so  20  und  mehrere  Jahre  die  Welt  durchwandern
und  so  untüchtig  nach  Hause  kehren,  als  ungeschickt  sie  in  die  Welt
hinausgeflogen...  Ich  bin  bei  einem  großen  König  in  Arbeit  gestanden, ­
  wo  man  öfters  solche  Felle  zu  gerben  bekommen,  welche  die
Haare  nicht  wollten  gehen  lassen  und  über  welcher  Arbeit  man  sein
eigenes  Fell  in  Gefahr  setzen  mußte"  fl.
In  noch  viel  engerer  Beziehung  als  die  Pergamentmacherei  und
die  Leimsiederei  steht  zur  „Weißgerberei"  zu  allen  Zeiten  die  Sämischgerberei, ­
  also  das  Walken  mit  Tran.  Die  Sämischgerberei  ist  eine  der
ältesten  Gerbemethoden,  und  eine  vergleichende  Untersuchung  der  verschiedenen ­
  Völker  lehrt,  daß  das  Gerben  mit  Fettstoffen  bereits  auf  sehr
niederen  Stufen  der  Kultur  und  in  völliger  Unabhängigkeit  von  anderen
Völkern  geübt  wird  fl;  auf  die  Bedeutung  der  Sämischgerberei  im  Mittelalter ­
  wurde  schon  hingewiesen  fl,  und  es  ist  interessant,  daß  bereits  das
älteste  Urbar  des  Klosters  Salzburg  aus  dem  Ende  des  11.  Jahrhunderts ­
  unter  den  Naturalabgaben  nicht  selten  „eorlnm  aä  oleum
comparandum“ 4 ),  „cutem  pro  oleo“ 5 )  aufführt,  wobei  also  gleich  der
Bestimmungszweck,  nämlich  zum  Gerben  mit  Fett,  angegeben  wird.  Es
mutet  unter  diesen  Verhältnissen  eigentümlich  an,  wenn  Junghans  nach
der  Besprechung  der  Leipziger  Rot-  und  Weißgerberei  aus  der  einzigen
Tatsache,  daß  die  Weißgerber  am  Ausgange  des  17.  Jahrhunderts  „mit
verschiedenen  Berufsverwandten  um  das  alleinige  Verkaufsrecht  für  die
mit  Fischtran  gegerbten  Felle  sich  herumstreiten",  zu  dem  Schluffe
kommt  „die  Technik  der  Fettgare  scheint  jünger  zu  sein"  fl.  Wir  haben
so  gesehen,  daß  diese  endlosen  Gewerbsstreitigkeiten,  von  welchen  hier
ln  Leipzig  auch  eine  vorliegt,  einen  ganz  anderen  Grund  haben,  nämlich
k'aß  sie  entwicklungsgeschichtlich  verständlich  sind  aus  den  Zeiten,  in
Melchen  die  Lederarbeiter  noch  ihr  Leder  selbst  gegerbt  haben.  Wir
haben  gesehen,  daß  viele  Lederarbeiter  durch  das  ganze  Mittelalter
hindurch  zu  ihren  wohlverbrieften  Rechten  die  Erlaubnis  zählten,  ihren
Lederbedarf  selbst  zu  gerben;  in  Danzig  z.  B.  wurde  1397  die  Ledermühle ­
  an  die  Beutler-Zunft,  und  nicht  an  die  Weiß-  oder  Sämischflerber
  verliehen  fl,  und  bei  den  Beutlern  wird  angeführt,  daß  sie
fl  Speyer  1759.  2 )  Vgl.  S.  174.  fl  Vgl.  S.  123—124.
fl  Salzburg  1910,  S.  310.  fl  Salzburg  1910,  S.  512,  514.
fl  Junghans  1896,  S.  393.  fl  Hirsch  1855,  S.  304.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.