Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

242

steht,  wie  sie  bei  den  Meisterstücken  einen  viel  breiteren  Raum  einnimmt, ­
  als  die  Alaungerberei,  so  wird  auch  bei  den  Darstellern  dieser
Gewerbe  die  Sämischgerberei  immer  an  erster  Stelle  besprochen,  so  bei
Frisins  1715  *),  oder  bei  Halle  1762 2 )  und  1772 3 ).  Da  Sattler  und
Riemer,  die  Hauptkonsumenten  weißen  Leders,  wie  wir  an  vielen
Beispielen  gesehen  haben,  ihren  Lederbedarf  selbst  erzeugten,  und  da  viele
Weißgerber,  wie  ebenfalls  durch  zahlreiche  Beispiele  illustriert  wurde,
sämische  Hosen  selbst  verfertigten,  also  gleichzeitig  Beutler  waren,  so
erscheint  unter  Berücksichtigung  aller  dieser  Verhältnisse  der  Schluß
gerechtfertigt,  daß  bei  den  Weißgerbern  die  Sämischgerberei  den  weitaus ­
  größten  Teil  ihres  Lebensunterhaltes  lieferte,  während  die  Weißgerberei ­
  fast  nur  als  Nebenbeschäftigung  erscheint;  denn  nunmehr  bleiben
für  die  Weißgerberei  der  Weißgerber  fast  nur  weiße  Futterleder  übrig,
und  auch  diese  müssen  von  vielen  Schustern  selbst  hergestellt  worden
sein.  Die  Kenntnis  dieser  eigentümlichen  Art  der  Verteilung  der  Produktionsprinzipien ­
  unter  die  hier  in  Frage  kommenden  Handtverke  ist
grundlegend  zum  Verständnis  der  ökonomischen  Lage  der  Weißgerber
im  Laufe  der  Zeit.  ein  Punkt,  welchen  wir  an  anderer  Stelle  zu  besprechen
haben,  weil  wir  im  Anschluß  an  die  eben  dargelegten  Verhältnisse
unser  Augenmerk  auf  die  Weißgerber  richten  müssen,  welche  den  Namen
„Jrher",  „Jrcher",  auch  „Archer",  führten.
Das  „Arch" 4  5  * )  oder  „Jrich" B )  spielt  im  deutsch-italienischen  Handel
des  14./15.  Jahrhunderts  eine  nicht  unbedeutende  Rolle,  und  es  liegt
nahe,  das  yrch  als  ein  Produkt  der  Ir  her  anzusehen.  Während
Krünitz  °)  sich  noch  mit  der  Konstatierung  begnügt,  daß  die  Herkunft
dieses  Namens  unbekannt  sei,  ist  Nehlen  7 )  der  Ansicht,  daß  der  Unterschied
zwischen  Jrhern  und  Rotgerbern  darin  liege,  daß  die  Rotgerber  schwere
Ochsenhäute  und  Pferdehäute  verarbeiten,  während  die  Jrher  nur  leichte
Felle,  wie  Schaf-,  Ziegen-  und  Hirschfelle  als  Ausgangsmaterial  benutzen.
Seit  aber  Lexers  Ansicht,  daß  unter  Jrch  weißgares  Leder  zu  verstehen
sei 8 ),  in  Grimms  Deutsches  Wörterbuch  übergegangen  ist, 9 )  ist  letztere
Ansicht  die  herrschende  geworden.
Nun  bedeutet  irch,  irh  —  ein  Wort,  welches  bei  den  Minnesängern
des  12.  Jahrhunderts  vorkommt  —  der  „Bock",  und  daher  ist  das  Leder,
welches  den  Namen  „irch"  führt,  zunächst  nichts  weiter  als  Bockleder,

*)  Frisius  1708—1716.
®)  Halle  1762,  Bd.  II,  S.  369.  3 )  Halle  1772,  Bd.  V,  S.  105.
4 )  Schulte  1900,  Bd.  I,  S.  718;  Bd.  II,  S.  228.
5 )  Simonsfeld  1887,  Bd.  II,  S.  105.
°)  Krünitz  1795,  Bd.  LXYIII,  S.  489,  Anm.  r )  Rehlen  1855,  S.  137.
s )  Lexer  1872,  Bd.  I,  S.  1449.
*)  I.  u.  W.  Grimm,  Deutsches  Wörterbuch,  14  Bände,  1877,  Jrch.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.