thumbs: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Religisse Bewegung; Tuther. 
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der Gotteskindschaft! Die Menschen dieser Zeit suchten statt 
dessen die objektive Bürgschaft äußerer Mittel. Diese aber 
ruhten in der Hand der Kirche. Indem die Priesterschaft die 
Sakramente verwaltete in der Kraft objektiver Seligmachung 
für jedermann, indem sie Askese und Kontemplation als Mittel 
religiöser Verzückung sich einverleibte und regelte, beherrschte 
sie die mittelalterliche Welt; wie zu einer gütigen Mutter, die 
alle guten Gaben verteilt, schauten die Laien zu ihr empor. 
Dem entsprach ihre Haltung. Sie forderte nicht Glauben, 
sondern Gehorsam; sie wollte nicht die Anerkennung inneren 
Erlebens, sondern die Fügsamkeit halb unbewußter Existenz; 
sie hielt nicht auf Uberzeugung, sondern auf Ruhe; sie kannte 
keine Individuen, sondern nur Massen. 
Dem allen widersprach nun Luther. Er forderte ein 
Verhältnis des Einzelnen zu Gott. Es war ein Wagnis, nicht 
denkbar ohne furchtbaren Zwiespalt zwischen Wollen und 
Sollen, ohne anfängliches persönliches Schuldbewußtsein gegen— 
über einem allgerechten Gott. Aber dies Bewußtsein, dieser 
Zwiespalt führte zur Selbstentsagung, zur Demut und zu dem 
ernstesten Vorsatz des persönlichen Vertrauens auf die göttlich 
geoffenbarte Gnade als die wirkende Kraft der eigenen Tugend. 
Es war der schärfste Gegensatz zur Seligkeitstheorie der 
mittelalterlichen Kirche. Dort als Mittel des Heils die sakra— 
mental, magisch gewirkte Gnade der Kirche, ein dingliches Gut; 
hier die subjektive, im eigenen, natürlichen Erlebnis erfahrene 
Gnade Gottes als eines Vaters, eine persönliche Errungenschaft. 
In der That: persönlich errungen im höchsten Grade war 
das Verhältnis Luthers zu seinem Gott. Wie oft hatte er, 
hbevor er Gewißheit der Gnade erlangte, dem erbarmungslosen 
göttlichen Richter in unendlicher Verlassenheit gegenüberge— 
standen mit dem faustischen Wort: Weh, ich ertrag dich nicht! 
Sein Selbst schien zu zerschellen vor dem Unendlichen; seine Seele 
erschien ihm ausgespannt mit Christo, daß man ihre Gebeine 
zählen konnte, und es gab keine ihrer Falten, die nicht er— 
füllt gewesen wäre von bitterster Bitternis. Aber Luther hat in 
dem immer wiederholten Kampfe obgesiegt. Und er siegte —
	        
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