Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.
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führte. Eine „Einkommensteuer“ sollte die gewünschte Entlastung des
Kleinen und ersehnte Belastung des Großen gewähren, für deren Einführung
besonders die Linke unter C a i 11 a u x arbeitete, gegen die aber von den be
sitzenden Klassen ein Kampf entfesselt wurde, dem dieser Finanzminister
und andere Vertreter der Einkommensteuer zum Opfer fielen. Die Regie
rung ließ in diesen Wirren den Plan der Deckung des Defizits mittels
einer Steuer fallen und suchte die Mehrausgaben durch Emission einer
Rentenanleihe zu decken. Das Finanzministerium entschloß sich, einen
neuen Rententyp auszugeben. Von allen Seiten wurden jedoch sofort
gegen die Neuemission einer Rente die schärfsten Bedenken geäußert,
da man seit 20 Jahren keine Anleihe aufgelegt hatte. Man befürchtete
eine Erschütterung des Kursniveaus der alten Renten, außerdem wäre
die Zeit für eine 2000,00 Mill.-Rente, wie sie zunächst geplant wurde,
nicht vorteilhaft, da der Pariser Markt durch die letzten exotischen
Anleihen zu geschwächt sei. Der Ausgabebetrag wurde daher auf 1800,00,
dann auf 1300,00 und schließlich auf 805,00 Mill. Frcs. festgesetzt. Die
ungünstige Lage des Marktes zwang die Finanzverwaltung, den Typus
einer tilgbaren Rente zu wählen. Am 7. Juli emittierte sie eine 3% %
tilgbare Rente zu 91 %, in Höhe von 805,00 Mill. Frcs., die innerhalb
von 25 Jahren rückzahlbar gestellt wurde. Unter Berücksichtigung
der eingeräuraten Vorteile ergab sich eine Verzinsung Von 4% %. Diese
Bedingungen, unter denen die Regierung ihre Kapitalien aufnehmen mußte,
haben im Inlande und Auslande lebhafte Überraschungen hervorgerufen.
Jedenfalls sind sie ein Zeugnis für den schweren Druck, der auf den Finanz
kreisen schon vor Kriegsausbruch lastete. Dafür erfuhr die 3% % Rente eine
40 fache Überzeichnung. Aber nur zu bald stellte sich dieser Riesenerfolg
als ein Scheinerfolg heraus. Nachdem die erste Ratenzahlung geleistet
war, verkauften die Konzertzeichner die ihnen zugeteilten Stücke, und es
entwickelte sich bald an der Börse in der neuen 3% % Rente eine wilde
Agiotage. Am 24. Juli 1914 sank der Kurs auf go %. Nach der Fällig
keit der dritten Rate waren dem Staate insgesamt nur 380,00 Mill. Frcs.
zugeflossen. Und aus dem Erlös dieser Anleihe sollten die Ausgleichs
gelder für das Budgetdefizit gezogen werden! In der Zwischenzeit, als
die politischen Parteien zu keiner Einigung gelangen konnten und da
durch die Emission der geplanten und ersehnten Anleihe verzögerten,
mußte das Schatzamt zur Bestreitung der ersten Ausgaben ihre Bons
du Tresor bei ihren alten Abnehmern placieren, die bis zum 30. April
1914 gegen 572,00 Mill. Frcs. aufnahmen. Sie sollten durch die Ein
gänge aus der Rentenanleihe wieder zur Einziehung gelangen. Aber allen
diesen geplanten Transaktionen, sowie der weiteren friedlichen staats
finanziellen Entwicklung setzte der Ausbruch des Krieges ein Ende.
Das Schatzamt stellte am 31. Juli 1914 die Kassenbilanz auf. An
flüssigen Mitteln waren etwa 430,00 Mill. Frcs. zu zählen, die einesteils
aus den ersten Einzahlungen der eben aufgelegten 3 % % amort. Rente
und dann aus dem ständigen Vorschuß der Bank von Frankreich im
Betrage von 200,00 Mill. Frcs. stammten. Ihnen stand eine schwebende