Full text: Die Heimarbeit im Kriege

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schon die ihre Dienste anbietenden Unternehmer zunächst ohne jede 
eingehende Prüfung genommen werden. So kam es, daß zunächst 
auch Personen, die das Schneiderhandwerk nur dem Namen nach 
kannten, Lieferungen erhielten. Wir finden hier den Käsehändler, 
den Champagneragenten, den Möbelfabrikanten, den Fleischermei- 
ster — ja zu diesen Neulingen im Handwerk hatte sich eine Zeitlang 
ein sehr bekannter Eisenmagnat gesellt. Einzelne Betriebsinhaber —- 
wirkliche Gewerbsgenossen nicht ausgeschlossen — behaupteten 
schlankweg, daß sie sich nur durch reinen Patriotismus leiten lassein 
Ihre Verdienste, erzählten sie, seien nur geringe, manche wollen gar 
Geld zugegeben haben. Erstaunlich ist nur, daß ursprünglich, als 
man ihnen noch nicht so auf die Finger sah, zwischen dem Auftrag 
nehmer des Bekleidungsamts und den eigentlichen Arbeitern häufig 
4—5 Stellen sich schoben und die Zwischenunternehmer für Ver 
mittlung solcher Stellen erhebliche Vergütungen an Agenten ge 
währten. 
Alles in allem war es nicht schwer festzustellen, daß sowohl 
dem Bekleidungsgewerbe fremde Elemente als auch dem Handwerk 
zugehörige Arbeitgeber erhebliche Gewinne aus den Kriegsaufträgcn 
zogen, — auf Kosten ihrer Arbeiter und Arbeiterinnen. — Man 
zahlte diesen eben nicht Löhne, die ihnen von der Heeresverwaltung 
zugedacht waren. Beispielsweise hatte ein Gewerbetreibender in 
Elberfeld vom Bekleidungsamt des 7. Armeekorps Landsturmmän 
tel zur Anfertigung übernommen. Er beauftragte mit der Herstel 
lung einen Zwischenmeister in Neukölln. Die Arbeiter erhielten 
für den Mantel 1,90 Mk. Dabei wäre nach dem maßgebenden Ta 
rif des Bekleidungsamts des Gardekorps 6,30 zu entrichten gewesen. 
Für Köperunterhosen war ferner seitens des Bekleidungsamts 
des Gardekorps ein Macherlohn von 1,08 Mk. für den Arbeiter auf 
gestellt. Er erhielt aber meist nur . 0,30—0,40 Mk. Eine Un 
summe derartiger Usbervorteilunaen ist von der später noch zu er 
wähnenden Schlichtungskommission ans Tageslicht gefördert 
worden. 
Die Mißstände entwickelten sich zu unerträglichen, so daß auf 
Anregung der Arbeiter Arbeitgeber- und Arbeiterverbände des Ge-
	        
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