151
und er fürchtete die Leidenschaft Lassalles für mich;
es schien ihm unmöglich, daß ich solche Leidenschaft nicht
mit ganzer Seele erwidern würde. Ich muß gestehen,
mir selbst schien es befremdend, fast unbegreiflich, daß
ich seiner Liebe, seinem Flehen gegenüber gleichgültig
bleiben konnte. Ich dachte lange darüber nach und kam
endlich zu dem Schluß, daß ich mir selbst unverständ
lich sei, und daß es unmöglich sei, die Liebe eines
solchen Mannes nicht mit Gegenliebe zu erwidern;
daß ich entweder dieses Gefühl nicht verstehe, nicht
verstehen könne, oder daß die Liebe in mir noch nicht
ausgegangen sei. Einmal schien es mir, als ob es un
möglich sei, seine Gefühle abzuwehren, dann, nach
einigen Minuten, schien es mir noch unmöglicher, seine
Liebe anzunehmen.
Am Abend tranken wir alle den Tee bei der Gräfin, die,
wahrscheinlich von Lassalle eingeweiht, meinen Vater in
einem Winkel des Zimmers mit dem Durchblättern von
Kupferstichen beschäftigte. Kaum war ich mit Lassalle allein
am Teetisch (er war sehr blaß und hatte ein sehr ermü
detes Aussehen), als er, mit erstickter Stimme, flüsternd,
um meine Antwort bat. Er sah mich mit so viel Liebe
an, erwartete niit solcher Angst meine Antwort, daß er
mir leid tat und ich antwortete, daß ich ihn vielleicht lieben
werde. Aber ich sagte es so ruhig, so kalt, daß es mir in
demselben Moment schien, als ob es nie der Fall sein würde.
Während er fragte, hatte er meine Hand ergriffen.
Nach meiner Antwort ließ er sie sofort los, sein Antlitz
wurde noch bleicher und nahm einen solchen kalten
Ausdruck an, daß es mich erschreckte, und ich bemerkte
ihm, daß er, wie es schiene, mit meiner Antwort nicht