Full text: Ferdinand Lassalle

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Ich liebe sie, wie ich Ihnen schon sagte, mit der Liebe 
eines Sohnes; ich liebe sie wie eine treue Waffengefahrtin, 
die mit mir zehn Jahre des Kampfes und der Gefahren 
geteilt hat. 
Ich liebe sie endlich mit philosophischer Liebe, d. h. 
ich liebe sie als den schönsten Typus des Menschen 
geschlechts, als den Typus der leidenden Menschheit, 
wie Christus in meinen Augen für die Sünde der Mensch 
heit gekreuzigt worden ist, und den ich durch die Kraft 
meines Willens dem Kreuze wieder entrissen habe. 
Und glauben Sie mir, jeder Mann, der sie so leidend, 
ihre Leiden so edel und staunenswert tragen gesehen, 
wie ich sie sah im Lauf so vieler Jahre, würde sie ebenso 
lieben und verehren wie ich, und wenn dieser Mann 
ein Herz von Eisen gehabt hatte. 
Ich würde also mich nie glücklich fühlen, wenn ich sie 
nicht auch glücklich, zufrieden und froh sehen könnte. 
Das ist die Art meiner Gesinnung in bezug auf sie. 
Selbst wenn dies nicht nieine Gefühlsweise wäre, so 
würde es doch meine Pflicht sein, mich zu solchen Ge 
fühlen zu zwingen; denn vergessen wir nicht, daß diese 
Frau 1846 ihr Schicksal in meine Hände gelegt hatte, 
und ich halte mich für immer verantwortlich für ihre 
Zufriedenheit und für ihr Glück. Sie hat ihr Schicksal 
in meine Hand gelegt; und zwar nicht heute, wo ich 
einen begründeten Ruf habe, sondern damals, als ich 
ein junger Mensch von zwanzig Jahren, zwar talent 
voll, aber anscheinend machtlos und unbekannt in der 
Welt war. 
Schande dem Menschen, der je ein solches Vertrauen 
vergessen könnte.
	        
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