Vorwort zur ersten Ausgabe.
VII
Schriftsteller für das Land, dem er angehört, was auch richtig ist, da die
Leser zunächst über das unterrichtet werden sollen, was sie am wenigsten
kennen. Doch haben wir uns bemüht, England und Deutschland den
großen Platz vorzubehalten, der ihnen gebührt, obgleich wir in bezug auf
das letztere Land uns schon zu manchem Verzicht haben entschließen
müssen. Was die Volkswirtschaftler anderer Länder betrifft, die wir leider
nur zu oft mit Stillschweigen übergehen mußten, oder die wir nur gelegent
lich in Verbindung mit dieser oder jener Theorie, der sie ihren Namen
gegeben haben, erwähnen konnten, so bitten wir sie, in diesen Lücken
nicht eine Verkennung der bedeutenden Dienste zu sehen, die ihre Länder,
besonders Italien und die Vereinigten Staaten, der ökonomischen Wissen
schaft in der Vergangenheit wie in der Gegenwart geleistet haben.
Aber auch trotz dieser Beschränkung war unser Arbeitsgebiet doch
noch zu reichhaltig, um Alles aufnehmen zu können, so daß eine Auswahl
erforderlich wurde. Wir haben uns bemüht, unsere Darlegungen auf eine
möglichst kleine Zahl von Namen und Ideen zu beschränken, um diese
desto besser darstellen zu können. Es war nicht unser Ehrgeiz, eine voll
ständige und erschöpfende Geschichte zu schreiben, sondern eher, eine
Reihe von Bildern zu entwerfen, die den bedeutendsten Epochen der
Geschichte der Doktrinen entsprechen.
Eine derartige Auswahl bedingt aber stets eine gewisse Willkür.
Wie soll der qualifizierteste Vertreter einer jeden Lehre ausgewählt werden?
In einer Wissenschaft, wie der Nationalökonomie, in der die Schriftsteller
einander oft nicht gekannt haben, ist es häufig, daß sie sich wiederholen,
und es ist nicht leicht, festzustellen, wer den Anspruch auf die Priorität
hat. Wenn es aber schwierig ist, den Zeitpunkt zu entdecken, in dem eine
Idee zum ersten Male erscheint, so ist es relativ leicht, denjenigen mit
Sicherheit zu bezeichnen, in dem sie sich der Aufmerksamkeit aufzwingt
und sich dem Kreise der vorgetragenen oder wenigstens diskutierten
Wahrheiten einreiht. Das haben wir als Richtschnur genommen. Die
Autoren, die wir hier nicht haben aufnehmen können, auch wenn sie
vielleicht ebenso würdig sind, an erster Stelle zu glänzen, werden trotz
dieser Ungerechtigkeit nicht zu kurz kommen, denn die Mode beschäftigt
sich heute mit den Vorläufern: zahlreich sind die Bücher, die der Ent
deckung der Poetae minores der volkswirtschaftlichen Wissenschaft
gewidmet sind und es sich zur Aufgabe machen, die Urteile der parteiischen
Geschichte zu ihren Gunsten zu berichtigen.
Es war aber nicht nur eine Auswahl zwischen den Schriftstellern
nötig, sondern auch eine Auswahl unter den Doktrinen. Diese Auswahl
hat selbstverständlich keinen irgendwie normativ gearteten Charakter;
wir hatten keineswegs die Absicht, die Einen zu empfehlen und die Anderen
herabzusetzen auf Grund eines Kriteriums der Moralität oder der sozialen
Nützlichkeit oder der Wahrheit. Wir gehören nicht zu denen, die wie