Full text: Ferdinand Lassalle

wären, so daß diese nicht lehren dürfte, diese Einrich 
tungen sind mangelhaft oder schädlich, ungerecht oder 
verderblich — wessen Geist wäre dann so allumfassend, 
so überschauend die Geister aller seiner Zeitgenossen 
und der nachftlgenden Generationen, daß er auch nur 
eine Ahnung zu haben vermöchte, welche segensreiche 
Entdeckungen, welche fruchtbringendsten Entwicklungen, 
welche Bereicherungen des Geistes durch diese eine feste 
Grenze gegen Mißbrauch im Keim erstickt werden, welche 
gewalttätige Erschütterungen oder welcher Verfall dadurch 
über den Staat heraufbeschworen werden könnten? 
Zudem, was ist Gebrauch und waS Mißbrauch in 
der Wissenschaft, wo scheiden sich beide und wer be 
stimmt dies? Dies müßte — so erleuchtet Sie ohne 
allen Zweifel sein mögen, meine Herren Präsident und 
Räte, und gerade je erleuchteter Sie sind, desto lebhafter 
werden Sie dies selbst fühlen — nicht ein Gerichtshof 
sein, sondern ein Hof, zusammengesetzt aus der Blüte 
aller wissenschaftlichen Kapazitäten der Zeit in allen 
Fächern und Zweigen der Wissenschaft. Was sage ich? 
AuS der Blüte aller Kapazitäten der Zeit? Nein, auch 
noch aus der aller Folgezeiten! Denn wie oft zeigt uns 
nicht die Geschichte gerade die bahnbrechenden Geister 
der Wissenschaft im feindlichsten Gegensatz mit der Wissen 
schaft ihrer Tage! 
Nach fünfzig-, nach hundertjährigen Debatten oft ist 
in der Wissenschaft erst festgestellt, was Gebrauch, was 
Mißbrauch war. — 
In der Tat ist auch seit der Verfassung noch niemals 
eine Anklage gegen eine wissenschaftliche Lehre versucht 
worden. 
4 «r»ßmann, Lassa»« 
S7
	        
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